Die Indianerreservate Nordamerikas im Fokus der Kartelle

Sioux Indianer

Bild: © Gertrude Käsebier [Public Domain] - Wikimedia Commons

Unsere romantisierten Vorstellungen des typischen Indianers sind wohl immer noch durch die Zerrbilder Karl Mays geprägt. Sei es der unverdorbene, edle und freie Naturmensch auf der einen Seite oder der Barbar, der seine Feinde am Marterpfahl langsam zu Tode foltert auf der anderen –  um es vorweg zu nehmen: dies entsprach wohl nie der Wirklichkeit.1 Heute leben viele der Ureinwohner Amerikas in den von ihnen selbst verwalteten Rückzugsgebieten, die ihnen während der Kolonialisierung zugeteilt wurden. Über 300 solcher Reservate gibt es inzwischen in den USA, die sich auf einer Fläche von ca. 22 500 000 Hektar erstrecken.2

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war der Alltag vieler Indianer durch Rassismus und Ausgrenzung, durch Arbeitslosigkeit und Alkoholismus gekennzeichnet. Ohne jede Zukunftsperspektive und ignoriert von der Regierung vegetierten sie, abgeschieden von der restlichen Zivilisation, vor sich hin. In den letzten Jahrzehnten scheint sich ihre Lage verbessert zu haben. Vor allem seitdem der US-Kongress Ende der 80er Jahre den „Indian Gaming Regulatory Act“ verabschiedete, der es den Indianern erlaubte, auf ihrem Stammesgebiet Kasinos zu betreiben, konnten sich viele zu wohlhabenden und anerkannten Bürgern entwickeln. Doch heutzutage droht die brutale Wirklichkeit die indianischen Stämme wieder einmal einzuholen. Diesmal sind es südamerikanische Drogenkartelle, die die nachhaltige Entwicklung und die Wiedereingliederung der Indianerstämme in die amerikanische Gesellschaft zu gefährden scheinen – jährlich werden Tonnen von Marihuana und Kokain durch die Reservate in die USA geschmuggelt. Es sind vor allem die günstigen Bedingungen in den an Mexiko und Kanada angrenzenden Reservaten, die Drogenschmuggler derzeit magisch anziehen. Eine noch immer überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit von teilweise 85 Prozent lässt die Angebote der Kartelle äußerst attraktiv erscheinen: in einer 45 minütigen Fahrt mit dem Kofferraum voller Marihuana lassen sich schnell über 2000 Dollar verdienen.3 Die Gefahr, erwischt zu werden, ist dabei äußert gering, gerade einmal zwei Prozent werden geschnappt. Denn neben der Abgeschiedenheit und Weitläufigkeit der Reservate, spielt auch das derzeitige Niveau der staatlichen Kontrollen eine Rolle. Die örtliche Polizei wird von den Stammesregierungen gestellt, ist chronisch unterfinanziert und ihre Kompetenzen sind zudem nicht endgültig geklärt. Die US-Regierung setzt zwar in den betroffenen Gebieten seit kurzem verstärkt auf den Einsatz der Bundespolizei, erhält dabei aber nur wenig Unterstützung aus der Bevölkerung, vor allem aufgrund der großen Loyalität gegenüber den in den Drogenhandel involvierten Stammesbrüdern und wegen des historisch tiefgreifenden Misstrauens gegenüber der US-Justiz.4

Die Auswirkungen des Drogenschmuggels in entwicklungspolitischer Hinsicht sind in den Reservaten teilweise vernichtend, vor allem die blühende Kriminalität und Korruption werden zu scheinbar unlösbaren Problemen. Mittlerweile kapseln sich viele indianische Helfer von den mexikanischen Mutterorganisationen ab und bilden ihre eigenen Drogenkartelle – natürlich mit guten Kontakten in die höchsten Ebenen der Stammesregierungen und der örtlichen Gerichte. Zudem wächst die ohnehin bereits hohe Drogenabhängigkeit weiter dramatisch an, denn große Mengen an Kokain, Heroin und Methamphetamin bleiben in den Reservaten und sind somit günstig für jeden jederzeit verfügbar – Verbrechen unter Drogeneinfluss gehören inzwischen zum Alltag. Auch Umweltzerstörung ist ein Thema. Bisher unberührte Natur wird geradezu von den Schmugglern überrannt, enorme Mengen an Müll bleiben zurück, die Auswirkungen auf Tier- und Pflanzenwelt sind verheerend.5

Viel zulange ignorierte die Regierung in Washington die sozialen Probleme von Amerikas Ureinwohnern, der „Indian Gaming Regulatory Act“ reichte nicht aus, um diese zu lösen. Strukturfonds und gezielte Investitionen sind nötig, um die hohe Arbeitslosigkeit zu senken und der Jugend Zukunftsperspektiven zu eröffnen – und so den Kartellen letzen Endes den Nährboden zu entziehen.

  1. Planet Wissen: indianer – 13.9.2013 []
  2. Wikipedia: indian reservation – 13.9.203 []
  3. NY Times: indian country drug trafficker – 13.9.2013 []
  4. McClatchy: indian reservations drug pipelines – 16.9.2013 []
  5. NY Times: indian country drug trafficker – 16.09.2013 []

Über Fritz / earthlink

Ich bin 23 Jahre alt und studiere Politikwissenschaft und Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Zwecks Berufsorientierung absolviere ich gerade ein 6-wöchiges Praktikum bei Earthlink e.V.
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