Moskauer Studenten jagen Drogendealer

Bild: © Rcmathiraj - Dreamstime

Es ist eine vertraute und doch skurrile Situation. In einem Büro der Jugendorganisation „Junges Russland“ sitzen ganz durchschnittlich aussehende Studenten um einen Tisch in der Mitte des Raumes. Man hört sie leise reden während sie sich über einen Laptop beugen. Am späten Abend schalten sie den Beamer an. Doch anstatt sich Sportrückblicke anzusehen, lachen sie über brutale Videos, die sie selbst gedreht haben. Auf der Leinwand sieht man Männer, die verprügelt, gefesselt und mit Farbe übergossen werden. Die jungen Männer im Raum sind keine normalen Studenten, sie sind Mitglieder der MAS, der sogenannten „Jungen Antidrogen-Spezialeinheit“. Die MAS bekämpft Dealer und das ganz offiziell: In einer Pressemitteilung an Journalisten aus aller Welt sprechen sie von „zivilgesellschaftlichem Engagement“ und ihrer Unterstützung für das Allgemeinwohl und den Staat. Die Videos, die sie auch ins Internet stellen, sprechen allerdings eine andere Sprache. Sie zeigen, wie junge Erwachsene Autos zerschlagen, Fensterscheiben einwerfen und Männer mit Lack übergießen. „Wir verpassen den Dealern eine Abreibung, die sie nicht vergessen“, so einer von ihnen.

Alle Mitglieder der MAS sind auch Teil des „Jungen Russlands“. Laut einer Pressesprecherin gehöre die Jugendorganisation offiziell keiner Partei an, unterstütze aber die derzeitige Regierung. Mitglieder der Gruppe bekennen sich dazu, „die Interessen [des] Heimatlandes zu verteidigen“ und „Russland vor westlicher Expansion, Terrorismus und Korruption“ zu beschützen.

Derart prinzipientreu ist auch die MAS eingestellt. Gesetzestreu lehnen sie jegliche Drogen, bis auf Alkohol und Tabak, ab und kämpfen gezielt gegen die Droge Spice. 2009 verbot die Regierung die synthetische Droge. Kurz darauf erschienen aber immer wieder neue chemische Varianten auf dem Markt. Der Verkauf ist zwar legal, aber nicht gern gesehen. Besonders bei der MAS. Witzelnd unterhalten sich die Männer am Tisch über die gefassten Drogendealer, während Video um Video über die Leinwand läuft. Durch die Prügelvideos im Netz wurden sie in Russland bekannt. Obwohl nur knapp 30 Leute zu den inneren Kreisen der Gruppe gehören, haben sich in Nachbarstädten bereits Nachahmer gezeigt.

Damit die Situation nicht weiter ausartet und Prügelvideos zur Normalität bei der Drogenbekämpfung werden, entschied sich die Studentengruppe zu einer neuen Vorgehensweise – einer gewaltlosen. Von nun an setzen sie auf psychologische Erniedrigung, anstatt auf körperliche Bestrafung. In der Theorie sieht das so aus: Zwei Dealer werden unabhängig voneinander telefonisch kontaktiert, zu einem Treffen gebeten, durch die Gruppe festgenommen und eingeschüchtert. Anschließend müssen sie auf einem umzäunten Sportplatz gegeneinander boxen. Der Gewinner muss seine Drogen abgeben, darf dafür aber unbehelligt gehen. Der Verlierer wird der Polizei übergeben. Der gesamte Kampf wird gefilmt und letztendlich ins Internet gestellt. Zur Demütigung müssen beide Dealer zusätzlich ihre Ausweise in die Kamera halten, um von den Zuschauern des Videos später erkannt werden zu können. In der Realität gelingt es der MAS allerdings nicht, ihre Fassade der Gewaltlosigkeit aufrecht zu halten. Oft enden die Festnahmen in Gewalt, Dealer und Studenten werden schwer verletzt. Bis die Polizei kommt gibt es niemanden, der einschreitet, gekämpft wird bis die Dealer wehrlos am Boden liegen.

Der Moskauer Polizei ist die MAS bereits wohl bekannt. Seit der Gründung im April 2012 gelingt es der Polizei immer öfter Dealer hinter Gittern zu bringen. Sind die Beamten neu im Dienst, reagieren sie zu Beginn oft skeptisch, später wohlwollend. Statt einer Standpauke oder von Sachbeschädigung oder Körperverletzung zu sprechen, ermutigen sie die Studenten noch. Auch Präsident Putin ist sich der MAS wohl bewusst – er selbst hat schon einige der Prügelvideos im Internet gesehen. In einem Zeltlager der Kreml-treuen Jugend soll er erklärt haben, dass er die Aktionen „sinnvoll“ fände.

Die MAS scheint niemanden fürchten zu müssen, obwohl sie mit ihren Aktionen klar Selbstjustiz betreibt. Eine Gruppe jugendlicher Männer, die wie besessen die Drogenpolitik des Landes vorantreiben will – und dabei entzieht sie sich aller Rechtssprechung. Im Schein der verantwortungsvollen Helfer, die den Staat und seine Gesetze unterstützen und die Allgemeinheit vor den Drogen bewahren wollen, verprügeln sie unbehelligt Menschen und zerstören fremdes Eigentum. Der Fall gleicht der aktuellen Situation in Mexiko. Dort formieren sich schon seit einigen Jahren Bürger zu „Self-Defense“-Truppen, um sich gegen die Gewalt der Drogenkartelle zu wehren. Die Angst und Wehrlosigkeit treiben die Menschen zu den radikalen Verteidigungsmethoden. An sich ein nachvollziehbarer Grund – Selbstjustiz birgt allerdings oft die Gefahr von Eskalation. Ebenso wie in Moskau arten die Auseinandersetzungen zwischen Drogendealern und Bürgerwehren oft in Gewalt aus.12

Eine Fotostrecke der ZEIT zu den Moskauer Studenten finden Sie hier.

  1. Zeit, 06.04.14: Russland: „Eine Abreibung, die sie nicht vergessen – aufgerufen am 22.04.14 []
  2. Huffington Post, 25.04.13: In Russia, Anti-Drug Gangs Hunt Down ‚Spice‘ Dealers – nicht mehr verfügbar []

Über Franziska / earthlink

Nach 9 wundervollen Monaten bei earthlink, beende ich nun meinen Bundesfreiwilligendienst und werde noch in ein paar weitere soziale Bereiche hineinschnuppern, bis ich Oktober 2014 hoffentlich zu studieren beginne ;-)
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