Die verheerenden Folgen der Drogenvernichtung: Gift über Felder

Teil 2 des Berichts: Die verheerenden Folgen der Drogenvernichtung

„Ich glaube, dass Drogen viele Menschen zerstört haben. Aber die falsche Regierungsstrategie hat noch viele mehr zerstört.“1 Diese Kritik des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan am repressiv geführten Drogenkrieg ist hart – aber ehrlich und sie trifft auf zahlreiche bedingungslose Maßnahmen in diesem Krieg zu. So auch auf die Eradikation: die Zwangsvernichtung von Drogenfeldern. Das Ziel dieser Maßnahme ist es, das Drogenproblem sprichwörtlich an der Wurzel zu packen, Opium und Kokain direkt auf dem Feld auszumerzen, bevor sie von Drogenbanden und durch Waffengewalt beschützt zum Konsumenten geschleust werden. Inzwischen steht jedoch fest: die Felder lassen sich nach und nach zerstören, doch auf den internationalen Drogenhandel hat diese Maßnahme keinen nachhaltigen Einfluss. Sofern nicht mit sinnvollen Hilfsprogrammen kombiniert, schaden die Zwangsvernichtungen in erster Linie den meist perspektivlosen und armen Bauern.2

In vielen Fällen werden die Pflanzen herausgerissen, zum Beispiel mit der Hand oder durch Traktoren. Es gibt jedoch auch die Methode, die Drogenfelder durch Gift zu vernichten.3 Vor allem Kolumbien hat damit eine traurige Berühmtheit erlangt. Von hoch oben über den Feldern sprühen Flugzeuge das Herbizid mit dem Hauptbestandteil Glyphosat über die Felder. 1,64 Millionen Hektar Land wurden so von 1996 bis 2012 in Kolumbien zerstört.4 Es ist das einzige Land, in dem noch heute in einem solchen Ausmaß Pestizide im Kampf gegen die Drogen eingesetzt werden.3 Das Gift ist enorm aggressiv – trotzdem konnte auch in Kolumbien der Drogenhandel nicht gestoppt werden.5 Im Gegenteil: Wieder einmal liegt die Last der Eradikationsmaßnahmen auf den Schultern der zivilen Bevölkerung. Doch in keiner Drogenanbauregion sind die Folgen dieser Maßnahme so verheerend wie dort, wo die Verantwortlichen auf Gift setzen: Der Pestizideinsatz bedeutet eine hohe Umweltbelastung, einen Rückgang der Nahrungsmittelproduktion und eine Gefahr für die Gesundheit der lokalen Bevölkerung.3

In Kolumbiens abwechslungsreicher und vielgestaltiger Natur blüht längst nicht nur Kokain, sondern es wachsen auch unzählige seltene Pflanzenarten. Das Gift allerdings unterscheidet nicht zwischen „gut“ und „böse“. Es zerstört alles, das mit einer ausreichenden Menge der Chemikalie getroffen wurde, egal ob Drogenfeld, ob Urwald, oder Agrarfläche.6 Die zerstörerische Wirkung der Chemikalie ist für Kolumbiens Naturschäzte vor allem deshalb so gefährlich, da die Flugzeuge, die es versprühen, oft hoch fliegen müssen, um sich vor der Gewalt der Drogenbanden oder Bauern zu schützen, die sich gegen die Zwangsvernichtung ihrer Felder wehren. Aus der Entfernung lässt sich das Glyphosat nicht mehr so präzise auf dem Kokafeld versprühen und es trifft mit größerer Wahrscheinlichkeit auch die Wälder und Äcker um die Plantagen herum. Weht Wind, trägt dieser das Glyphosat mit sich und verteilt es quer über das Land.6 Das ist besonders beunruhigend, da in Kolumbien viele Kokaplantagen direkt an Nationalparks grenzen. Das Gift verteilt sich so auch in der unmittelbaren Nachbarschaft Kolumbiens größter Naturschätze.6 Auch zahllose seltene Tiere sind in Kolumbien zuhause. Durch die Vernichtung von hektarweise Land werden große Teile ihres Lebensraumes zerstört und ihre Futterquellen verseucht.6

Doch nicht nur der Lebensraum der Tiere und Pflanzen ist bedroht, sondern auch jener der Menschen: Obwohl viele kolumbianische Bauern nicht in den Drogenkrieg involviert sind, werden auch ihre Felder vereinzelt vom Herbizid getroffen, entweder aus Versehen oder durch den Wind, der das Gift über das Land getragen und auf ihrem Feld verteilt hat.6 Einige Bauern berichteten, dass die betroffenen Gebiete – ob absichtlich oder unabsichtlich besprüht – auch in den kommenden Jahren weniger fruchtbar waren. Dadurch wird es den Bauern erheblich erschwert, legale Pflanzen auf ehemaligen Drogenfeldern anzubauen und sich damit ein Einkommen zu sichern.6 Das Ausmaß ist enorm: Allein zwischen 2000 und 2003 wurden rund acht Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens in Kolumbien besprüht.7 Das Kokain dagegen wächst oft um einiges schneller nach als andere Pflanzen. Wiedererblühte Kokafelder umrundet von toten Bäumen – in Kolumbien kein seltener Anblick.3 Das treibt vor allem arme Bauern, die auf regelmäßige Ernterträge angewiesen sind, verstärkt dazu, wieder Koka anstatt legaler Produkte anzupflanzen oder sie laufen Gefahr, in extreme Armut abzurutschen.

Das Gift hat jedoch auch Auswirkungen auf das Leben der Menschen, die zunächst nicht mit dem bloßen Auge sichtbar sind – eine unsichtbare Gefahr, die das Leben von tausenden, wenn nicht Millionen Menschen beeinträchtigt: Diarrhö, Atemwegsbeschwerden, Augenprobleme, Fehlgeburten. Es ist nach wie vor umstritten, doch inzwischen steht für viele Experten fest, dass die in manchen Teilen Kolumbiens ungewöhnlich häufig auftretenden Krankheiten im direkten Zusammenhang mit dem Gifteinsatz stehen.3 So beklagte der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes 2006 die verheerenden gesundheitlichen Schäden des Glyphosat vor allem auf Kinder. Und im Mai 2007 erklärte Professor Paul Hunt, der Special Rapporteur on the Right to Health, es gäbe deutliche Beweise, dass der Einsatz von Glyphosat entlang der kolumbianisch-ecuadorianischen Grenze Gesundheitsschäden in beiden Ländern verursacht. 8

Die Vernichtung der Drogenfelder ist der Versuch, durch eine repressive Politik das weltweite Angebot an Drogen beträchtlich zu verringern. Fast alle wichtigen Staaten haben inzwischen die Konvention ratifiziert, die für die Zwangsvernichtung von Drogenfeldern ausschlaggebend ist. In dem 1988 beschlossenen Text heißt es: „Jeder soll die angemessenen Maßnahmen ergreifen, um den illegalen Anbau von Pflanzen zu verhindern, die berauschende oder wesensverändernde Substanzen enthalten […] und solche Pflanzen vernichten“. Doch diese Worte sind längst keine Freikarte für die Verantwortlichen, Menschen und Umwelt zugunsten einer drogenfreien Welt Schaden zuzufügen. Bereits im nächsten Satz der Konvention sind eindeutige Grenzen gesetzt: „Die angewandten Maßnahmen sollen die grundlegenden Menschenrechte […] sowie den Schutz der Umwelt respektieren.“9 Inzwischen hat sich jedoch gezeigt, dass die Vernichtung der Drogenfelder in vielen Fällen diese Rechte von Mensch und Natur nicht respektieren. Sobald Gift im Spiel ist, nehmen die Schäden ein noch beunruhigenderes Ausmaß an. Mitunter deshalb haben Peru, Bolivien, Ecuador und Thailand den Einsatz des Pestizids bereits verboten – aus triftigen Gründen.6 Die Hoffnung bleibt, dass auch in Kolumbien diese Drogenmaßnahme bald Geschichte sein wird.

  1. US News: Davos: Kofi Annan Urges ‚Rising Up‘ Against Drug Prohibition; erschienen am 23. Januar 2014 []
  2. lies mehr dazu im Teil 1 des Berichts  []
  3. Human Rights Watch: Human Rights and Drug Policy: Briefing 6: Crop eradication; aufgerufen am 17.Juni 2014 [] [] [] [] []
  4. Amerika21: Forum zu illegalen Drogen in Kolumbien beendet; erschienen am 3. Oktober 2013; aufgerufen am 17. Juni 2014 []
  5. Zeit Wissen: Kommando Koks; erschienen 02/2013; aufgerufen am 17. Juni 2014 []
  6. Countthecosts: The War on Drugs: Causing Deforestation; aufgerufen am 17.Juni 2014 [] [] [] [] [] [] []
  7. Cornelius Friesendorf: Drogen, Krieg und Drogenkrieg; erschienen 2005; aufgerufen am 17. Juni 2014 []
  8. Human Rights Watch: Human Rights and Drug Policy: Briefing 6: Crop eradication; aufgerufen am 17. Juni 2014 []
  9. eigene Übersetzung, Quelle: UNODC: Konvention 1988; aufgerufen am 17. Juni 2014 []

Über anila / earthlink

Im Sommer 2013 habe ich mein Abitur gemacht. Vor meinem Studium leiste ich meinen Bundesfreiwilligendienst bei EarthLink. :)
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