Erst Kiffer, dann Junkie – Ist Cannabis eine Einstiegsdroge?

Bild: © normalityrelief - morgueFile

Cannabis dient als Einstiegsdroge für den Konsum härterer Drogen.“1 Dieses Argument wird häufig in Diskussionen um das umstrittene Cannabis eingesetzt. Erst Gras, dann Heroin, das sei eine mehr oder weniger unumgängliche Reihenfolge, ein simpler Mechanismus. Cannabis, die Droge mit der „Schrittmacherfunktion“.2 Diese Vorstellung hat sich fest im öffentlichen Bewusstsein verankert: Laut dem Deutschen Hanf-Verband glauben 73 % der Deutschen, dass der Konsum von Cannabis den Konsum härterer illegaler Drogen quasi zwangsläufig nach sich zieht.3

Dabei ist längst nicht gesagt, dass diese Theorie wahr ist. Im Gegenteil: Für viele Wissenschaftler ist sie nicht mehr als ein Mythos.2 Bereits 1998 kam der Experte Professor Dieter Kleiber in einer Studie, die der damalige Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) in Auftrag gegeben hatte, zu dem Schluss, dass „die Annahme, Cannabis sei die typische Einstiegsdroge für den Gebrauch harter Drogen wie Heroin, nach dem heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand nicht haltbar“ sei.3 Sogar das Bundesverfassungsgericht verneinte die Einstiegsfunktion von Cannabis als Droge an sich, als es 1994 über diese Streitfrage verhandelte.4 Und doch hat sich dieses Bild hartnäckig im öffentlichen Bewusstsein und den vielen Debatten gehalten. Ist Cannabis wirklich der „Schrittmacher“ auf dem Weg zu harten Drogen?

„Fakt ist, dass diejenigen, die Amphetamine, Kokain oder Heroin konsumieren, fast ausnahmslos ihre Drogenkarrieren mit dem Cannabiskonsum begonnen haben“, räumt Jörn Patzak, Sachverständiger der CDU, ein. Die Feststellung, dass die meisten Konsumenten von Opiaten auch einmal gekifft haben, ist im Grunde der Anlass, Cannabis als eine Einstiegsdroge zu bezeichnen.3 Nicht nur das – das Kiffen soll sogar der konkrete Auslöser für den Konsum härterer Drogen sein, ein biochemischer Mechanismus, meinen Befürworter der Schrittmachertheorie. Das liege an dem Drang von Kiffern, die Dosis immer weiter zu erhöhen, bis irgendwann Cannabis alleine nicht mehr genügt. „Die Dosissteigerung allein reicht beim Haschisch nur kurze Zeit aus, um die Wirkung weiter zu steigern. An seiner Stelle müssen vielmehr neue Drogen mit stärkeren Wirkungen treten“, formulierte 1994 der Psychiater Karl-Ludwig Täschner diese Theorie.5

Doch die ein wenig vereinfachte Argumentation ist nicht besonders stichhaltig. Es stimmt zwar, dass die meisten Heroinkonsumenten zuvor Cannabis geraucht haben, doch: „Was für Heroinabhängige rückblickend stimmt, trifft jedoch nicht auf Cannabiskonsumenten zu.“, schreiben die BZgA und die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen in ihrer gemeinsam verfassten Broschüre über Cannabis.3 Denn würde auf den Konsum von Cannabis zwangsläufig der Konsum von härteren Drogen folgen, müsste es ergo ähnlich viele Konsumenten von Cannabis wie auch von harten Drogen wie Heroin geben. Die gibt es aber nicht. Während etwa 23 % der Deutschen über 18 Jahren schon einmal gekifft haben, konsumieren in derselben Altersgruppe lediglich weniger als ein Prozent andere illegale Drogen. Es gehen folglich nur sehr wenige Cannabisraucher wirklich den „nächsten Schritt“ zu harten Drogen. Davon abgesehen müssten konsequenterweise Alkohol und Tabak als Einstiegsdrogen gelten, nicht Cannabis – denn damit fangen die meisten zumindest in unserer Gesellschaft noch vor dem Kiffen an.2

Dennoch gibt es neuere Forschungen, die genau diese „Schrittmacherfunktion“ von Cannabis aufzeigen sollen. Ein Beispiel: Mit einem schwedischen Experiment an Ratten wollten Wissenschaftler ergründen, ob der Cannabiskonsum im Jugendalter das Gehirn verändert, sodass es anfälliger für Opiate wird. Dafür sollten sich die Versuchsratten selbst Opiate verabreichen, sodass sie alle nach und nach abhängig wurden. Einigen der Versuchsratten wurde jedoch in ihrer Entwicklungsphase, die in etwa vergleichbar mit dem menschlichen Jugendalter ist, regelmäßig ein wenig THC verabreicht. Das Ergebnis: Die Ratten, die bereits mit dem Wirkstoff von Cannabis in Kontakt gekommen waren, entwickelten ein stärkeres Suchtverhalten und konsumierten letztendlich zwei Drittel mehr Heroin als die anderen Versuchstiere. Laut den Forschern hatte sich das Belohnungszentrum im Gehirn der „THC-Ratten“ durch den frühen Cannabiskonsum so verändert, dass sie mehr Drogen brauchten, um ein Zufriedenheitsgefühl zu erreichen.6 Es ist jedoch strittig, ob sich dieses Ergebnis eins zu eins auf den Menschen übertragen lässt. Denn im Gegensatz zu den Ratten, die die Drogen mehr oder weniger zwangsweise nehmen mussten, wird das Konsumverhalten bei den Menschen durch viele komplexe Faktoren maßgeblich mitbeeinflusst. Dazu gehören z.B. der Freundeskreis der Konsumenten oder ihre psychische Situation. Außerdem ist unklar, wie diese äußeren Einflüsse im Zusammenspiel mit den biochemischen Veränderungen im Gehirn wirken.2

Eine niederländische Studie kam 2006 trotz der berechtigten Zweifel an dem Ratten-Experiment auf ein vergleichbares Ergebnis. Die Wissenschaftler untersuchten das unterschiedliche Konsumverhalten von Zwillingen. Sie errechneten, dass Zwillinge, die bereits Cannabis rauchen, bevor sie 18 Jahre alt sind, mit einer 7,4-fach größeren Wahrscheinlichkeit einmal Partydrogen konsumieren werden als ihre Geschwister, die erst später oder gar nicht mit dem Kiffen angefangen haben. Der Einstieg in den Konsum von Heroin und Kokain würde bei frühen Cannabis-Konsumenten sogar 16,5-mal wahrscheinlicher.5

Ist also Cannabis wirklich der Wegbereiter für andere Drogen? Doch auch die niederländischen Wissenschaftler haben ihre Probanden nicht im Zusammenspiel mit den äußeren Einflüssen betrachtet – für ein authentisches Ergebnis ist das jedoch entscheidend. Eine solche Studie haben dagegen die Wissenschaftler Karen van Gundy und Cesar Rebellon durchgeführt. Sie beobachteten stichprobenartig 1.286 Schülerinnen und Schüler von 48 verschiedenen Schulen in den USA mehrere Jahre lang, in welcher Reihenfolge, aber vor allem unter welchen Bedingungen neue Drogen ausprobiert wurden. Keiner der Schüler hatte bis dahin Drogenerfahrungen gesammelt. Mit der Änderung der Blickrichtung wandelte sich auch das Ergebnis der Studie. Zwar verzeichneten die Wissenschaftler bei den Schülern, die früh Cannabis rauchten, ebenfalls eine höhere Wahrscheinlichkeit für einen späteren Missbrauch von Drogen – doch dieser Zusammenhang existierte nicht zwangsläufig. Er trat vor allem dann auf, wenn die Testpersonen kritische und belastende Erfahrungen in ihrer Jugend gemacht hatten. Dagegen zeigten Jugendliche mit günstigen sozialen Bedingungen keine erhöhte Wahrscheinlichkeit für einen späteren Konsum anderer Drogen, auch wenn sie früh mit dem Kiffen angefangen hatten. Interessant ist auch, dass der frühe Cannabiskonsum ab dem 21. Lebensjahr der Schüler überhaupt kein Einfluss mehr auf die Testpersonen hatte. Dabei war es egal, welche Erfahrungen die Schüler gemacht hatten – ab diesem Alter waren sie aus den meisten Einflüssen quasi herausgewachsen. Falls so überhaupt von einer Schrittmacherfunktion von Cannabis gesprochen werden kann, erlischt sie folglich nach einiger Zeit.5

Die Studie zeigt, dass vor allem die sozialen Bedingungen das Konsumverhalten der Menschen bestimmen. Der Schrittmachereffekt ist eher „ein komplexer Prozess, der insbesondere durch den sozialen Kontext, in dem jungen Menschen sich befinden, bedingt wird.“, schlussfolgern die Wissenschaftler.5 Auch andere aktuelle Forschungen halten es für wahrscheinlich, dass soziale Bedingungen, allen voran das Umfeld und die Freunde der Konsumenten, die Motivation hinter dem Einstieg, die psychische Verfassung sowie die Persönlichkeit maßgebend für das Konsumverhalten einer Person sind und dürfen nicht einfach vernachlässigt werden.2 Ein universeller, kausaler Zusammenhang zwischen dem Konsum von Cannabis und anderen Drogen – er besteht dagegen nicht.

  1. CDU und CSU: Pressemitteilungen: Keine Legalisierung von Cannabis; aufgerufen am 12.08.2014 []
  2. Drugcom: Einstiegsdroge Cannabis?; erschienen am Dezember 2008; aufgerufen am 29. Juli 2014 [] [] [] [] []
  3. Hanfverband: Ist Cannabis eine Einstiegsdroge?; erschienen  07. Februar 2012; aufgerufen am 29. Juli 2014 [] [] [] []
  4. Bndrogenpolitik: Cannabis ist eine Einstiegsdroge; aufgerufen am 28. Juli 2014 []
  5. Drugcom: Vom Kiffen zum Heroin?; erschienen Mai 2011; aufgerufen am 29. Juli 2014 [] [] [] []
  6. Zeit: Vom Joint an die Nadel; erschienen am 20. Juli 2006; aufgerufen am 28. Juli 2014 []

Über anila / earthlink

Im Sommer 2013 habe ich mein Abitur gemacht. Vor meinem Studium leiste ich meinen Bundesfreiwilligendienst bei EarthLink. :)
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Erst Kiffer, dann Junkie – Ist Cannabis eine Einstiegsdroge?

  1. Diese Frage wurde schon oft gestellt. Leider kann man schwer ermitteln ob die Ursache der Konsum von Marihuana ist. Bis heute gibt es keine ausreichenden Belege, das Menschen die zu harten Drogen greifen (Koks,LSD,Heroin…) einmal mit Cannabis angefangen haben. Dennoch kann ich mir gut vorstellen das es einen Zusammenhang gibt. Umso wichtiger ist es die Finger von Drogen zu lassen. Wenn man einmal auf den Geschmack gekommen ist, probieren die meisten weitere Drogen aus.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.