Gastbeitrag: Der Drogenhandel als Wirtschaftssektor

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Von Jörg Kilian:

Organisierte Kriminelle betreiben mit Produktion und Handel von illegalen Drogen einen Wirtschaftszweig, in dem jährlich viele Milliarden Euros umgesetzt werden. Im Kampf gegen die entsprechenden Drogenkartelle setzen Staaten zumeist darauf, den Anbau und Handel der Ware zu unterbinden. Allerdings zeigt diese Strategie nur sehr begrenzten Erfolg.

Der sogenannte Drogenkrieg ist sehr kostspielig und führt zu zahlreichen gewaltsamen Auseinandersetzungen mit vielen Toten. Der Konsum von Drogen und die Macht der Kartelle kann jedoch weder durch eine Vernichtung von Marihuana- oder Koka-Plantagen, die Beschlagnahme von Drogen oder die Verhaftung führender Drogenbosse nachhaltig und wirksam bekämpft werden.

Woran mag das liegen? Nun, der Drogenhandel ist extrem lukrativ. Es werden jährlich dreistellige Milliardenbeträge umgesetzt. Kenner sprechen von einem Big Business, denn Drogenkartelle werden wie bedeutende Wirtschaftsunternehmen geführt. Es stehen nicht nur ausreichend finanzielle Mittel bereit, um staatliche Institutionen, insbesondere in Ländern, in denen diese geschwächt sind, zu infiltrieren. Polizisten, Armeeangehörige, Zollbeamte, Staatsanwälte, Richter und Politiker werden entsprechend bestochen, oder wenn nötig, erheblich unter Druck gesetzt.

Drogenkartelle gefährden die Demokratie

So werden in einem von den Kartellen unterwanderten Staat wie Mexiko immer wieder kritische Journalisten und Studenten ermordet. Mitunter ist es schlichtweg hochgefährlich, sich den Machenschaften der Drogenmafia entgegenzustellen. Diese übernimmt in einigen von der Regierung vernachlässigten Regionen sogar staatliche Aufgaben und ist bisweilen durch eine eigene „Polizei“ und eine eigene „Sozialpolitik“, die den Bau von Schulen und Krankenhäusern beinhalten kann, in der Gesellschaft verwurzelt. Durch diese vermeintliche Wohltätigkeit möchte man sich Loyalität und Rückhalt in verarmten Bevölkerungsschichten sichern, um sich dadurch vor Strafverfolgung zu schützen.1

Der Krieg gegen die Drogen ist verloren

Werden Marihuana- oder Koka-Plantagen zerstört und größere Mengen von Drogen sichergestellt, so steigt nach den Gesetzen der Marktwirtschaft entsprechend der Schwarzmarktpreis für die begehrte Ware. Ein hoher Schwarzmarktpreis motiviert wiederum Produzenten und Händler, zusätzliche Drogen zur Verfügung zu stellen. Folglich sollte man sich weniger darauf konzentrieren, das Angebot an Drogen zu reduzieren. Drogenhandel und die damit verbundene Kriminalität sind nur durch eine Verringerung der Nachfrage nach diesen illegalen Substanzen wirksam zu bekämpfen.2

Konkret bedeutet dies, möglichst viele Drogen zu legalisieren, um die Macht der Drogenmafia wirksam bekämpfen zu können. In den USA wird seit der Legalisierung von Cannabis-Produkten in mehreren Bundesstaaten (Colorado, Washington, Alaska, Oregon) von stark sinkenden Umsätzen der Cannabis-Mafia berichtet. Stattdessen erzielt der Staat, ähnlich wie durch die übliche Alkoholsteuer, zusätzliche Einnahmen. Zudem garantiert ein staatlich kontrollierter Verkauf auch eine verbesserte Qualitätskontrolle der verkauften Produkte.3

Auch legale Substanzen gefährden die Gesundheit

Selbstverständlich ist eine Legalisierung von Drogen nicht mit deren Anpreisung zu verwechseln. Ziel einer liberalen Drogenpolitik ist es nicht, den Konsum von Marihuana oder anderer bisher illegaler Substanzen zu fördern. Zu fördern ist hingegen eine gesunde, ausgewogene Ernährung mit viel frischem Obst und Gemüse sowie reichlich Bewegung, denn all dies ist nachweislich gut für Gesundheit, Wohlbefinden und Vitalität im hohen Alter. Aus der Tatsache, dass etwa Zigaretten und hochprozentige Alkoholgetränke frei erhältlich sind, folgt bekanntlich auch nicht die Schlussfolgerung, deren Konsum als gesundheitsfördernd und sozial erwünscht zu bezeichnen. So gilt das Rauchen auch aufgrund einer intensiven sozialen Debatte mehr und mehr als verpönt und die Zahl der Raucher, inklusive raucherbedingter Gesundheitsschäden, hat sich signifikant verringert. Zudem ist sicherzustellen, dass die Sicherheit im Straßenverkehr weder durch Alkohol noch durch den Konsum von Drogen negativ beeinflusst werden darf.

Die Schweiz legalisiert Heroin

Als hochinteressant empfinde ich die erfolgte Legalisierung von Heroin in der Schweiz. Süchtige können hier ihr Suchtmittel unter ärztlicher Genehmigung und Aufsicht legal und kostenlos erwerben. Sie sind somit nicht der Illegalität und den damit verbundenen Gefahren von Beschaffungskriminalität und möglicherweise verunreinigter Ware ausgesetzt. Infolge der Behandlung können Patienten häufig stabilisiert werden – oft sind die Süchtigen sogar in der Lage, einer geregelten Berufstätigkeit nachzugehen und ein weitgehend normales Leben zu führen. Selbstverständlich sinken durch eine Entkriminalisierung des Besitzes von Drogen sowie abnehmende Beschaffungskriminalität die sozialen Kosten der Allgemeinheit. Strafverfolgungsbehörden können so vor unnötigen Belastungen geschützt werden. Heroinabhängige werden in der Schweiz als hilfsbedürftige Kranke betrachtet, denn sie müssen zur kontrollierten Abgabe täglich das Krankenhaus aufsuchen. Somit dienen sie weniger als Vorbild für andere, die in Versuchung geraten könnten, diese hochgefährliche Droge zu konsumieren.45

Staatliche Maßnahmen zur Entkriminalisierung von Drogen können, unter Berücksichtigung aller Gefahren des Drogenkonsums, nicht nur den Drogenkonsumenten und Drogenkranken helfen, sie untergraben zugleich wirkungsvoll die Macht der Kartelle. Diese sind für unsagbares Leid, vor allem in den Produktions- und Transitländern, verantwortlich, höhlen demokratische Institutionen von Ländern aus und destabilisieren ganze Gesellschaften. In einer globalisierten Welt kann sich Europa nicht von den Problemen der Menschen in anderen Kontinenten abkoppeln. Mafiöse Vereinigungen stoppen nicht vor europäischen Grenzen. Verarmte und verzweifelte Menschen aus zerrütteten Staaten machen sich auf die Wanderschaft und sind auch durch Zäune und Mauern kaum aufzuhalten. Eine möglichst weitreichende Liberalisierung der Drogenpolitik könnte ein guter Ansatzpunkt sein im Kampf gegen die Drogenkartelle. Ich schreibe dies als Autor, der in einem Staat mit der Einwohnerzahl Münchens lebt (Trinidad und Tobago), der jährlich über 400 Morde zu beklagen hat, die zumeist in Zusammenhang mit Gang- und Drogenkriminalität stehen.6

  1. Zeit online: Roberto Saviano: „Ich habe es oft bereut“ – Stand: 5.4.2016 []
  2. The Times: Narconomics: How to Run a Drug Cartel – Preview – Stand: 5.4.2016 []
  3. Roberto Saviano: Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra – 2007 []
  4. Zeit online: Mit Gras gegen die Mafia – Stand: 5.4.2016 []
  5. Neue Zürcher Zeitung: Heroinsüchtige mitten im Leben – Stand: 5.4.2016 []
  6. The Telegraph: Roberto Saviano: Italy´s most hunted author – Stand: 5.4.2016 []

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Projektmitarbeiter, zuständig für die Entwicklung und Durchführung von Projekten bzw. Kampagnen, Fundraising, Einarbeitung und Betreuung von Praktikanten und ehrenamtlichen Mitarbeitern. Aktuelle Projekte: Aktiv gegen Kinderarbeit, Drogen Macht Welt Schmerz, Fluchtgrund
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