FARC zwischen Waffenstillstand und Frieden – warum die „Erste Front“ rebelliert

Bild: © PresidenciaRD [CC BY-NC-ND 2.0] - Flickr

Am 23. Juni dieses Jahres kam es zu einem Waffenstillstandsabkommen zwischen der kolumbianischen Regierung und der linken Rebellenfraktion „FARC“.1 Zuvor hatte Rodrigo Londoño, der Anführer der Revolutionären Rebellengruppe Kolumbiens, angekündigt, dass 99 Prozent seiner Kämpfer dem Befehl zur Abrüstung Folge leisten würden. Vergangene Woche gab jedoch die „Erste Front“, eine der ältesten FARC-Gruppen bekannt, dass sie sich den laufenden Friedensbemühungen nicht anschließen werde.2

Dies teilte die im Osten Kolumbiens ansässige Front der kolumbianischen Bevölkerung am sechsten Juli in einer Pressemitteilung mit. Den Widerstand gegen die eigene Führung begründete die Erste Front ideologisch. Die Kämpfer gehen davon aus, dass Polizei und Regierung mit dem Waffenfrieden nur eine Abrüstung der Rebellen bewirken wollen. Es gebe weder Aussicht auf eine politische Einbindung der linken Gruppierungen, noch beabsichtige die Regierung eine Änderung ihres Wirtschaftsmodells. Außerdem erklärte die Erste Front, dass sie ihren Kampf um mehr Macht für das Volk fortsetzen und zugleich die Entscheidung anderer Gruppen zur Abrüstung respektieren werde. Am selben Tag warnte der kolumbianische Präsident Manuel Santos die Guerillagruppierung, dass dies die letzte Chance für die Kämpfer sei. Sonst werden sie in einem Grab oder einer Gefängniszelle enden.3

Die ideologische Begründung des FARC-Widerstandes ist allerdings mehr Vorwand als tatsächliche Motivation. Denn für die Erste Front gibt es durchaus auch finanzielle Gründe, die Waffen nicht niederzulegen. Die demobilisierten Rebellen müssen nämlich auch den Drogenhandel aufgeben. Dieser ist aber äußerst lukrativ für die Guerillagruppe. Neben den Einnahmen aus dem Koka-Anbau und dem Drogenschmuggel nach Venezuela und Brasilien werden den linken Rebellen auch Erpressung von Schutzgeld, sowie illegaler Coltan- und Goldabbau nachgesagt. Einzelne Widerstandsbewegungen innerhalb der FARC würden sogar von einem Ausstieg der FARC-Führerschaft aus dem organisierten Verbrechen profitieren, denn dann entfallen Abgaben an diese.3 Außerdem müssen FARC-Gruppierungen, die ihre Waffen niederlegen und den Weg zurück in die Gesellschaft suchen, einen langwierigen Prozess durchlaufen. Dieser beinhaltet Zahlungen zur Widergutmachung an Opfer, das Eingestehen von Verantwortung für Kriegsverbrechen und Freiheitsstrafen.4

Die FARC-Führung hat sich noch nicht zur Entscheidung der Ersten Front geäußert. Der kolumbianische Senator Iván Cepeda warnte aber vor voreiligen Schlüssen und wies darauf hin, dass es in jedem Friedensprozess Akteure gebe, die sich querstellen. InSight Crime geht davon aus, dass mindestens 30 Prozent der Rebellenkämpfer ein Friedensabkommen mit der Regierung ablehnen würden.5

So könnten auch die 57. und die 16. Front, die an den Grenzen zu Panama und Venezuela operieren, dem Beispiel der Ersten Front folgen. Beide Gruppen gehören zu den am stärksten in das organisierte Verbrechen verwickelten FARC-Fraktionen. Auch die Guerilla-Gruppierung „Daniel Aldana Mobile Column“ kündigte bereits an, sich gegen einen Friedensvertrag mit der kolumbianischen Regierung zu stellen. Ebenso die 36. Front, die schon in der Vergangenheit Waffenruhen gebrochen hat und durch extreme Gewaltbereitschaft aufgefallen ist. Es bleibt also weiterhin abzuwarten, ob es tatsächlich noch bis Ende Juli zu einem Friedensabkommen zwischen Regierung und linken Rebellengruppen kommt. Die Hoffnung auf friedlichere Zeiten in Kolumbien ist groß, dennoch wird es auch in Zukunft noch genügend radikale Gruppierungen geben, die dem Land und seiner Bevölkerung durch Drogenhandel und Gewaltverbrechen zusetzen werden.3

  1. Blickpunkt Lateinamerika: Die FARC-Guerilla will ihre Waffen niederlegen; nicht mehr verfügbar []
  2. Colombia Reports: One of FARC’s main fronts refuses to demobilize; 07. Juli 2016 []
  3. InSight Crime: „We Will Not Demobilize“: First FARC Dissidents Won’t Be The Last: 08. Juli 2016 [] [] []
  4. Colombia Reports: Why not all FARC guerrillas will demobilize if peace in Colombia is reached; 17. November 2015 []
  5. InSight Crime: „We Will Not Demobilize“: First FARC Dissidents Won’t Be The Last: 08. Juli 2016) Widerstand gegen einen Friedensvertrag wird besonders in den Regionen erwartet, in denen die FARC eng mit Drogenkartellen zusammenarbeitet oder sogar FARC-Mitglieder selbst als Drogenbarone fungieren. ((Colombia Reports: Why not all FARC guerrillas will demobilize if peace in Colombia is reached; 17. November 2015 []
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.