Drogenbanden kontrollieren Gefängnisse in Lateinamerika:

Gefängnis

Bild: © Apollo Scribe [CC BY-NC-ND 2.0] - Flickr

Anfang Februar 2016 kam es im mexikanischen Gefängnis Topo Chico zu einem der blutigsten Aufstände der letzten Jahre: 49 Insassen wurden erschlagen, erstochen und verbrannt. Drahtzieher des Konflikts waren vermutlich Vertreter des Gulf- und des Los Zetas Kartells. Deren Mitglieder tragen ihre Machtkämpfe nicht nur auf den Straßen Mexikos, sondern auch innerhalb der Gefängnisse aus. Ein häufiges Streitthema ist dabei die Kontrolle der Drogen- und Waffenschmuggelrouten in die USA.1 Die Auseinandersetzungen bedrohen die staatliche Sicherheitssituation: Ein Bericht von Elena Azaola, einer führenden mexikanischen Expertin über die Gefängnis- und Rechtssituation Mexikos, zeigt, dass ungefähr 65 Prozent der mexikanischen Gefängnisse von Kartellen und Gangs kontrolliert werden.2

Aus den Gefängnissen heraus koordinieren Kartelle den Drogen-, Waffen- und Luxusgüterhandel außerhalb und auch innerhalb der Haftanstalt – und zwar im großen Stil: Die Gefängnisse werden mit Saunen und Fernsehern ausgestattet, zusätzlich werden Drogen und gefährlichen Gegenständen durch die Kontrollen eingeschmuggelt. Bei einer Razzia Anfang Februar wurden im Gefängnis Topo Chico nicht nur große Mengen an Marihuana und Kokain, sondern auch 122 Objekte mit Metallspitze, 56 Hämmer, 52 Bohrer, 27 USB-Sticks, 12 Telefone und eine Säge sichergestellt.3

Die Sicherheitslage von Haftanstalten ist nicht nur in Mexiko gefährdet. In Venezuela zeigten kürzlich veröffentlichte Fotos das privilegierte Leben von Paúl Hernández Quezada, mitsamt Fitnessstudio und Haustieren. Quezada ist ein sogenannter „Prane“, ein im Gefängnis sitzender Anführer einer venezolanischen Gang. Laut Medienberichten erwirtschaften die Gangs Millionenerträge mit einem Ausbeutungssystem innerhalb der Gefängnisse, bei dem sie von anderen Insassen Steuern und Gelder verlangen. Kontrollversuche des Staates werden durch Übergriffe auf Beamte verhindert: im August 2016 wurden laut der venezolanischen Gefängnisüberwachung 46 Gefängnisbeamte von organisierten Banden in Gefangenschaft gehalten. Venezolanische Gangs waren im Jahr 2011 für die Tötung von 1.622 Gefängnisinsassen verantwortlich. Zudem nutzen mächtige Insassen ihren Einfluss auf schwerbewaffnete Gangs, um den Waffen- und Drogenhandel sowie Erpressungen und Geiselnahmen außerhalb der Gefängnisse zu steuern.4

Auch im Norden Brasiliens ist die Anzahl an Gefängnismorden wegen Konflikten zwischen den zwei mächtigsten brasilianischen Gangs extrem angestiegen. Bis Anfang November 2016 wurden in den Gefängnisanstalten von vier Bundesstaaten 88 Morde gezählt – im Jahr 2015 waren es noch 55. Die rivalisierenden Gangs First Capital Command und Red Command wurden in Gefängnissen gegründet und tragen ihre Machtkämpfe noch immer innerhalb der Anstalten aus.5

Die Sicherheitslage in Gefängnissen in lateinamerikanischen Ländern wie Brasilien, Mexiko oder Guatemala ist dramatisch: Mangelnde staatlichte Überwachung, Korruption und Überfüllung führen dazu, dass Gangs und Kartelle die Gefängnisse kontrollieren. Die dadurch entstehenden Übergriffe und Machtkämpfe verstärken die instabile Lage der Länder und fördern ihre Schattenwirtschaft. Der Drogenhandel ist eine wichtige Einnahmequelle der kriminellen Banden. Vor allem der Konsum in den USA, aber auch in Europa, stärkt Kartelle und Drogengruppen und ihre Kontrolle über Gefängnisanstalten.

  1. The Guardian: Mexico’s deadliest prison riot underlines power of cartels inside – veröffentlicht am 12.02.2016 []
  2. InSight Crime: They’re like ‚Circus Animals‘ – veröffentlicht am 06.05.2015 []
  3. Quartz: In more than half of Mexico’s prisons, inmates have taken control – veröffentlicht am 24.02.2016 []
  4. InSight Crime: Venezuela Prison Bosses Wield Power Behind Bars and On Streets – veröffentlicht am 11.11.2016 []
  5. InSight Crime: Surge in Brazil Prison Murders Likely Linked to New Gang War – veröffentlicht am 09.11.2016 []

Über Elena / earthlink

Ich habe gerade meinen Bachelor in Ethnologie mit Nebenfach Rechtswissenschaften abgeschlossen. Mein Studium habe ich gewählt, weil mich völkerrechtliche Probleme in unserer globalen Welt interessieren.
Ich freue mich, bei EarthLink die nächsten zwei Monate jede Menge über aktuelle Themen zu lernen.

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