Kolumbien: Beflügelt der Frieden den Kokainanbau?

Stortinget - Nobels fredspris 2016

Bild: © Stortinget [CC BY-NC-ND 2.0] - flickr.com

Der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos wurde am 10. Dezember 2016 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Er ist der erste Präsident seit langer Zeit, der sich intensiv mit den Problemen des Landes auseinandersetzt und Friedensgespräche mit der linken Guerillaorganisation FARC aufgenommen hat. Der Versuch, einen Friedensvertrag mit der Organisation abzuschließen war in einem ersten Volksreferendum gescheitert, konnte bei einem zweiten Versuch aber durchgesetzt werden. Zudem wurde ein Waffenstillstand bis Ende des Jahres ausgehandelt. Nach 50 Jahren Bürgerkrieg scheint nun das erste Mal Frieden eingekehrt zu sein.1

Dennoch ist es noch ein weiter Weg, da ein tiefsitzender Konflikt nicht über Nacht verschwinde, mahnte die Nobeljurorin Berit Reiss-Andersen. Santos selbst betonte, dass dieser Preis nicht alleine ihm zustehe, sondern dem ganzen Land. Einem Land, das seiner Meinung nach, die Hoffnung auf Frieden nie aufgegeben habe.2 Er sicherte zudem zu, das Geld der Auszeichnung (etwa 830.000 Euro) an die Opfer des Bürgerkrieges zu spenden, um das Leid der betroffenen Menschen zu verringern.3

Dennoch ist der Friedensnobelpreis für Santos umstritten. Besonders seine Politik in der Vergangenheit war für ihr erbarmungsloses und brutales Vorgehen gegenüber der FARC berüchtigt. Lange Zeit setzte er in dem Konflikt auf eine militärische Lösung. So wurden etwa 260.000 Menschen getötet, mehr als 60.000 gelten heute noch als vermisst. Viele Menschen haben ihre Lebensgrundlage verloren.4

Die Rebellengruppen finanzieren sich zu großen Teilen über den Drogenanbau und Schmuggelgeschäfte. Das Land hat das ideale Klima für den Anbau von Kokapflanzen und die Felder sind in den vielen abgelegenen Dschungelgebieten schwer zu entdecken. Da das  Geschäft sehr ertragreich ist, entschließen sich viele Kleinbauern aufgrund der Alternativlosigkeit für den Drogenanbau. Es ist fragwürdig, ob der Nobelpreis etwas an der Aussichtslosigkeit der Menschen ändern kann. Somit ist auch umstritten, ob durch den geschlossenen Friedensvertrag der Drogenhandel eingeschränkt werden kann. Die Nachfrage im Ausland ist sehr hoch, ob die FARC nun tatsächlich aus dem Drogengeschäft aussteigt, bleibt abzuwarten. Bevor der Schmuggel nicht unterbunden werden kann, ist es unwahrscheinlich, dass ein endgültiger Frieden im Land einkehren kann.5

Es kam, gegen alle Erwartungen, zu einem Kokainboom in Europa, seit sich der Friedensprozess in Kolumbien in Gang setzte. In den Jahren von 2013 bis 2015 hatte die FARC, trotz damals einsetzender Friedensverhandlungen, ihr Anbaugebiet für Kokapflanzen auf knapp 96.000 Hektar verdoppelt. Eine Ursache für diesen Anstieg könnte darin liegen, dass sich die FARC im Voraus finanziell für Friedenszeiten absichern will. Zur Ausbreitung des Anbaus konnte es kommen, da die Regierung im Zuge der Verhandlungen davon absah, Kokaplantagen aus der Luft mit Pestiziden zu zerstören. So erreichte die Kokainproduktion in Kolumbien einen Höchststand. In Europa wurde deutlich mehr Kokain aufgespürt. Etwa 33,5 Tonnen, die doppelte Menge des Vorjahres, wurden beschlagnahmt.6

Schon oft wurde in der Vergangenheit der Versuch unternommen, Frieden in Kolumbien zu schaffen, jedoch immer ohne Erfolg.7  Auch die Auszeichnung aus Oslo wird vorerst nichts an der gespaltenen Situation im Land ändern. Es ist ein erster Schritt, Frieden herzustellen, die Positionen der Gegner sind allerdings kaum miteinander vereinbar. Viele Menschen sind unzufrieden mit dem Friedensvertrag, da der FARC eine politische Vertretung zugesprochen werden soll und ihre Anführer nur sehr milde verfolgt werden. Ein weiteres Problem ist auch, dass sich immer mehr Splittergruppen der FARC bilden, die kaum einen ideellen Hintergrund haben und sich ausschließlich auf Drogenhandel und Schutzgeldgeschäfte beschränken. Selbst wenn der Vertrag mit der FARC Erfolg zeigen sollte, ist ungewiss, inwieweit sich deren Nebengruppen an Vereinbarungen halten werden.8

  1. t-online: Frieden in Kolumbien: Nobelpreis an Santos überreicht; veröffentlicht am 10.12.2016 []
  2. t-online: Frieden in Kolumbien: Nobelpreis an Santos überreicht; veröffentlicht am 10.12.2016 []
  3. Spiegel Online: Santos will Geld für Nobelpreis an Opfer spenden; veröffentlicht am  10.10.2016 []
  4. Welt.de: Friedensnobelpreisträger Santos sieht Kolumbien als Beispiel für andere Länder; veröffentlicht am 10.12.2016 []
  5. Kolumbien: Kriminalität in Kolumbien; Stand vom 15.12.2016 []
  6. Spiegel Online: Frieden in Kolumbien sorgt für Kokainboom in Europa; veröffentlicht am 10.12.2016 []
  7. Süddeutsche Zeitung: Kolumbiens wackeliger Waffenstillstand; veröffentlicht am 04.10.2016 []
  8. Zeit Online: Der faule Frieden von Bogota; veröffentlicht am 07.10.2016 []

Über Lotta / earthlink

Ich studiere Politik und Gesellschaft an der KU in Eichstätt. Ich bin sehr interessiert an Umweltpolitik, dem Nahen Osten und internationalen Zusammenhängen von Konflikten.

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