Kolumbien: 6,9 Millionen Vertriebene, auch wegen Kokaanbau

FARC-Rebellen im kolumbianischen Dschungel. Bild: © Institute for National Strategic Studies - Wikimedia Commons

Das Land mit den meisten Binnenflüchtlingen weltweit ist mit 6,9 Millionen Kolumbien. Syrien hingegen liegt mit 6,6 Millionen erst auf Platz zwei.1 Im September 2016 fand in Kolumbien ein Volksentscheid über den verhandelten Friedensvertrag zwischen der Guerilla-Organisation FARC und der Regierung statt. Überraschenderweise wurde dagegen gestimmt, allerdings lag die Wahlbeteiligung bei gerade einmal 37 Prozent. Das Ergebnis ist zum einen auf Misstrauen bei der kolumbianischen Bevölkerung zurückzuführen, zum anderen sehen Kritiker die Strafen für die Rebellen zu gering. Anschließend wurde der Vertrag erneut verhandelt und im November 2016 ohne eine weitere Volksabstimmung beschlossen. Damit sind die ersten Schritte für den Frieden getan und es kann den knapp sieben Millionen Vertrieben geholfen werden, in ihre Heimat zurückzukehren.2

Kolumbien ist seit 1830 von internen Konflikten geprägt. Damals zerfiel Groß-Kolumbien in Venezuela, Kolumbien und Ecuador. Der Bürgerkrieg von 1948 bis 1953, die sogenannte Violencia, zwischen Liberalen und Konservativen, zwang tausende Landwirte aus den ertragreichen Andenregionen zur Flucht. Grund war eine Reform der Landwirtschaft und der Industrie, weswegen die ländlichen Gebiete neu verteilt wurden. Allgemein ist Land seit dieser Zeit zentraler Konfliktpunkt in Kolumbien. Die Wirtschaft sollte expandieren und profitabler werden, weswegen sich ein Kampf zwischen Investoren und lokaler Bevölkerung, um Bergbau- und Erdölregionen sowie Gebiete für den Ausbau der Infrastruktur entfachte. In den 1960er Jahren erstarkten Guerillaorganisationen, die sich anfangs für eine Verbesserung der Lebensumstände einsetzten. Die FARC, die größte Organisation, entstand ebenfalls als Verteidigungsgruppe der Bauern. Ab 1970 nahmen der Kokaanbau und die Drogenproduktion deutlich zu. Mit den illegalen Rauschmitteln und auch Goldabbau finanzierten die Gruppen ihren gewaltsamen Kampf, die FARC sich aber ebenso durch Entführungen. In den 80ern entstanden paramilitärische Gruppen mit Mitgliedern aus Sicherheitsdiensten, Personen, die Großgrundbesitzer schützten und Leuten der Drogenmafia. Ursprünglich sollten sie die FARC bekämpfen, waren aber ebenfalls an Landraub, Drogenhandel und Übergriffen an der Zivilbevölkerung beteiligt. Hauptgrund ist weiterhin die ungleiche Landverteilung durch Großgrundbesitzer und dem Gefälle zwischen Arm und Reich.34

Die Kämpfe zwischen der FARC und den paramilitärischen Organisationen eskalierten Ende der 1980er und führten zu Millionen Vertreibungen und hundertausenden Toten. Viele flohen vor der Gewalt, andere wurden durch Drogenkartelle, Investoren oder die Rebellenorganisationen gezwungen, ihr Land zu verlassen. Die menschenrechtliche Lage war fatal.5 Kartelle versuchten auch mittels Auftragsmördern mehr Einfluss in den Drogenhandel zu erlangen. Die Drogenbosse hatten großen Einfluss im Land, denn sobald sich Politiker gegen die gewaltsamen Kartelle stellten, wurden sie reihenweise umgebracht. Der Drogenanbau heizte den Konflikt immer weiter an, da Land für den Anbau von Koka, Möglichkeiten für die Verarbeitung zu Kokain und Schmuggelwege gefunden werden mussten. Die Folge waren massenhafte Vertreibungen für neue Anbauflächen,6

ungesühnte Tötungen von Bürgern und Bauern, die ihre Landstücke wieder bekommen wollten sowie Gewalt an Frauen. Mehr als die Hälfte der Opfer war weiblich. Sie wurden verschleppt, vergewaltigt und ermordet. Dabei blieben laut des kolumbianischen Verfassungsgerichtshofes rund 95 Prozent der sexuellen Übergriffe an Frauen unbestraft. Ob die Opfer eine Entschädigung bekommen und in ihr Land zurückehren können, wird sich zeigen.5

Die FARC gewann immer mehr an Macht, aber seit 2012 zeigen sich beide Seiten kooperativ, Frieden herzustellen.7  Insgesamt wurden während des Konflikts rund 263 000 Personen getötet.8 Dabei muss die kolumbianischen Regierung große Aufgaben bewältigen: Einerseits stabilen Frieden schaffen und zum anderen alle Opfer gerecht entschädigen. Dazu gehört auch die Landrückgabe an Personen, die ihren Grund rechtswidrig verloren haben.4

  1. UNO: Flüchtlinge weltweit; Zahlen und Fakten; Jahresbericht 2015; aufgerufen am 25.01.2017 []
  2. Caritas: Flucht und Migration; Kolumbien; Hilfen für Vertriebene; Artikel vom Dezember 2016 []
  3. bpb: Kolumbien; Innerstaatliche Konflikte; Artikel vom 07.10.2016 []
  4. Friedrich-Ebert-Stiftung: Politik für Binnenvertriebene in Kolumbien; Hehre Ziele, widrige Bedingungen; Artikel vom November 2016 [] []
  5. Caritas: Flucht und Migration; Kolumbien; Hilfen für Vertriebene; Artikel vom Dezember 2016 [] []
  6.  Deutschlandradiokultur: Kolumbien; Großgrundbesitzer, Guerilleros und die Suche nach einem Ausweg; Artikel vom 23.03.2016 []
  7. Deutschlandradiokultur: Kolumbien; Großgrundbesitzer, Guerilleros und die Suche nach einem Ausweg; Artikel vom 23.03.2016 []
  8. Amnesty International: Kolumbien; Amnesty Report 2016; aufgerufen am 25.01.2017 []

Über Lorina / earthlink

Ich habe letztes Jahr mein Abi gemacht und interessiere mich für internationale Zusammenhänge und soziales Engagement. Ich möchte in verschiedene Berufe Einblick erhalten und deswegen freue ich mich EarthLink das nächste halbe Jahr als Bundesfreiwillige unterstützen zu können!
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Internationales abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.