Gefängnisbanden Brasiliens expandieren in der Region

Schwaerzer Hubschrauber über Favela in Brasilien

Hubschrauber über Favela | Bild: © Gabriel Rocha [CC BY 2.0] - Flickr

In Brasilien scheinen Gefängnisbanden über wesentliche Teile des Strafsystems zu herrschen. Längst geht ihr Einfluss auch über die Mauern hinaus und hält die Menschen in der Region in Atem. Ende April hat die mächtigste der brasilianischen Banden, Primeiro Comando da Capital – kurz PCC, einen spektakulären Raub in Paraguay vollzogen. Dabei soll sie eine große Summe Geld erbeutet haben. Die betroffene Sicherheitsfirma hat später eingeräumt, der Raub sei der größte in der Geschichte des Landes gewesen, mit einer gestohlenen Summe von 11.720.255 Dollar. Erstaunt waren die Behörden im Ort Ciudad del Este über die Vorgehensweise der Kriminellen. Denn es war kein minutiös geplanter Raub, sondern glich in seiner Ausführung einer militärischen Attacke. Die Angreifer waren schwer bewaffnet und lieferten sich über drei Stunden ein Feuergefecht mit den örtlichen Sicherheitskräften. Ein Waffendepot der Polizei wurde in Brand gesetzt, um den Einsatz zu erschweren. Zum Ort des Geschehens eilende Polizisten wurden von Scharfschützen ins Visier genommen. Es gleicht einem Wunder, dass nur ein Beamter bei dem Einsatz ums Leben gekommen ist. Dieser Vorfall wird in Paraguay als ein Angriff auf das Land interpretiert. Sicherheitsbehörden in der gesamten Region melden erhöhte Aktivität der Gang. Bolivien, Argentinien, Uruguay und Paraguay befürchten, dass die Gang expandiert und so zu einem transnationalen Sicherheitsproblem für einen breiten Teil des südamerikanischen Kontinents wird.12

Die Geschäfte der PCC scheinen zu florieren. So lässt sich erklären, wie die Banden in Brasilien auf dem Vormarsch sein können. Der brutale Überfall in Paraguay ist ein Indiz für die Macht und die kriminelle Energie der Täter. Ein weiterer Hinweis darauf, dass die Gangs sich für etwas Größeres zu organisieren scheinen, ist ein aufgehaltener Waffentransport. Am Flughafen von Río de Janeiro haben die Behörden 60 Gewehre beschlagnahmt, die in die Hände des organisierten Verbrechens gewandert wären. Experten sagen, die Waffen seien für den militärischen Einsatz gedacht. Sie sind so modern und von solch guter Qualität, dass die Polizei einen Antrag vorbereitet, die Gewehre für ihre Zwecke nutzen zu dürfen. Auf dem Schwarzmarkt hätten die Feuerwaffen ungefähr einen Wert von 22.000 US-Dollar. Die Konfiszierung wirft Licht auf ein großes Waffenschmuggel-Netzwerk, welches die PCC und ihre Rivalen, die  Comando Vermelho nutzen, um ihre Kontrolle über Stadtteile oder auch ihre Expansion außerhalb Brasiliens zu verstärken.34

Sicherheitsbehörden in vielen Nachbarländern Brasiliens melden beunruhigende Aktivitäten durch die PCC. In Paraguay haben Behörden eine der größten Luftschmuggelnetzwerke der Gang ausgehoben. Über dieses sollen etwa fünf Tonnen Kokain pro Monat geschmuggelt worden sein. Die Gruppe könnte ungefähr 3,5 Millionen Dollar mit Kokainschmuggel verdient haben. Währenddessen sind angeblich 30 Mitglieder der Gang nach Argentinien eingedrungen. Es ist offiziell nicht klar, warum diese Schritte unternommen werden, aber Geheimdienste warnen vor Angriffen der Bande, sogar gegen den argentinischen Präsidenten. Auch in Uruguay sollen verstärkt Brasilianer kleinere Raubüberfälle begangen haben. Der Innenminister des Landes, Eduardo Bonomi, glaubt aber nicht, dass die Gang einen ähnlich großen Coup wie in Paraguay vorbereiten würde. Er ist der Überzeugung, Uruguay sei für eine solche Organisation nicht von Interesse. Die Vorfälle seien jedoch nicht so unbedeutend, dass man sie ignorieren könnte. In Bolivien spricht der Innenminister ebenfalls von erhöhter Aktivität der PCC. Die Bande und auch ihre Rivalen schmuggeln angeblich Waffen durch das Land und sollen zunehmend für mehr Raubüberfälle verantwortlich sein. Es liegt der Verdacht nahe, dass die Gangs versuchen, ihr Territorium zu erweitern.5

Die kriminellen Aktivitäten passen ins Bild einer machthungrigen, brutalen und expandierenden Gang. Paraguay ist bekannt dafür einer der größten Marihuana-Produzenten zu sein. Bolivien ist eines der wichtigsten Anbauländer der Koka-Pflanze. Es liegt die Vermutung nahe, dass die Gang selbst zu einem Drogenproduzenten werden möchte und so ihr Geschäft, neben dem Schmuggeln von Drogen jetzt um die Produktion erweitert. Auf diese Weise erhöht die Gang ihren Profit. Die erweiterten Aktivitäten in Argentinien und Uruguay passen nicht in dieses Bild, da keines der beiden Länder nennenswert Drogen herstellt. Experten vermuten, dass die brasilianischen Banden dort den Verkauf der Drogen unter ihre Kontrolle bringen möchten. Sollte diese Einschätzung zutreffen, stellt der Machthunger der Banden ein erhebliches Sicherheitsproblem für die Region dar. Brasilien hat seit geraumer Zeit ein Problem mit gewalttätigen Gangs und steckt in einer anhaltenden Wirtschafts- und Regierungskrise. Organisierte Kriminalität, die immer mächtiger wird, könnte die Krisen des Landes erheblich verschlimmern. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass Programme für Alternativen zum Drogenanbau in Bolivien und Paraguay durch die Gangs unterwandert werden. Es kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, wie stark die Banden in den Nachbarländern Brasiliens sind. Doch die extreme Gewaltbereitschaft sollte genügen, um alle in Alarm zu versetzen.5

  1. Süddeutsche Zeitung: Überfall auf Paraguay; Artikel vom 25.04.17 []
  2. Insightcrime: Smuggling of Drugs, People Spurs Violence in Argentina Contraband Hotbed; Artikel vom 23.05.17 []
  3. Insightcrime: US Rifles Fuel Brazil Gangs‘ Expansion; Artikel vom 05.06.17 []
  4. Insightcrime: First Capital Command – PCC; Stand vom 07.06.17 []
  5. Insightcrime: Brazil’s Biggest Gang Sets Sights on Regional Expansion; Artikel vom 31.05.17 [] []

Über Florian / earthlink

Ich studiere den Masterstudiengang Politikwissenschaft an der RWTH in Aachen. Ich hoffe, dass ich mich durch mein Praktikum bei earthlink in meinen Ansichten zu diversen politischen Themen weiterentwickeln kann.
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