Ist Kambodschas Kampf gegen die Drogen eher schädlich als hilfreich?

Injektionsspritzen zum Spritzen von Drogen

Zur HIV-Prävention in Kambodscha stellen NGOs Drogenabhängigen saubere Spritzen zur Verfügung. Bild: © Nathan Forget [CC BY 2.0] - Flickr

Seit dem ersten Januar hat die Polizei Kambodschas mehr als 10.000 Menschen wegen Drogendelikten verhaftet. Im gesamten letzten Jahr wurden 9 800 Menschen im Zusammenhang zu Drogen festgenommen. Schuld an der steigenden Zahl von Verhaftungen ist die neue Anti-Drogenkampagne.  Jene reagiert auf die steigende Beliebtheit von Methamphetamin, also Yaba Tabletten und Crystal Meth. Sie gelten als die meist genutzten Drogen in der gesamten Region. Kambodscha grenzt an Laos und Thailand an, zwei der drei Länder des Goldenen Dreiecks. Auf ursprünglich sechs Monate angelegt, wurde die Kampagne vom Premierminister Hun Sen bis zum Jahresende verlängert. Zudem bekommt sie ein Budget von einer Million US-Dollar. Jenes soll für Bildung, Ausrüstung, Behandlung und als Bonus für die beteiligten Polizisten benutzt werden. Es werden nicht nur Menschen verhaftet, die Drogen konsumieren oder dabei haben. Alleine Hilfsmittel wie Spritzen dabeizuhaben, ist Grund genug verhaftet zu werden. Vorher war es möglich, auf der Straße ungestört zu konsumieren, während die Polizei vorbeilief.123

NGOs und Menschenrechtsbeobachter kritisieren die Vorgehensweise der Regierung. Waren schon vorher die Gefängnisse überfüllt mit Leuten, die auf ihr Gerichtsverfahren warten, hat sich die Lage noch einmal drastisch verschlimmert. Dazu kommt, dass es im Gefängnis kaum die Chance gibt, von den Drogen weg zukommen, auch nicht für jene, die gerade eine Therapie machen. Bei Heroin ist dies besonders gefährlich. Anfang Mai ist ein Mann im Gefängnis an den Folgen von Heroin Mangel gestorben. Der HIV Infizierte begann vor seiner Festnahme einen Entzug. Jedoch erhielt er den nötigen Ersatzstoff Methadon nicht. Auch Medikamente bezüglich seiner HIV-Erkrankung bekam er nicht. Das Problem mit kambodschanischen Gefängnissen sei, dass lediglich Symptome behandelt werden, aber nicht die eigentlichen Ursachen der Krankheit. Auch die Hilfe außerhalb ist schwieriger geworden. Lokale NGOs, die sich auf die Prävention von HIV konzentrieren, befürchten, dass sich mehr Süchtige infizieren – 2012 waren fast 25 Prozent der Menschen, die sich Drogen spritzten betroffen. In den vergangenen Monaten konnten NGOs ein Ausbleiben vieler regelmäßiger Konsumenten beobachten, die sich bei ihnen saubere Spritzen abholen. Sie wurden entweder verhaftet oder halten sich aus Furcht davor von den NGOs fern. Auch jene, die eine grundlegende HIV Versorgung anbieten, verzeichnen weniger Menschen, sowie NGOs, die Ersatzstoffe wie Methadon anbieten. Die Gefahr steigt deswegen, dass mehr Menschen an einer Überdosis sterben, oder sich mit Krankheiten wie HIV oder Tuberkulose infizieren. Wie wirksam die Kampagne der Regierung ist, lässt sich schwer sagen, jedoch sind die negativen Folgen deutlicher. Durch die Kritik der NGOs und verschiedenen internationalen Organisationen wie die UNODC will die Regierung die Art, wie sie Drogenkonsumenten behandelt, verändern.425

Die staatlichen obligatorischen Rehabilitierungszentren für Drogenkonsumenten stehen schon länger in der Kritik. Sie sollen jene nicht effektiv auf ein Leben nach der Behandlung vorbereiten und vom Militär wie ein Ausbildungslager geführt werden. Psychologische Betreuung findet man selten. Gemeinschaftsbasierte Gesundheitsprogramme dagegen, die 2009 in der Provinz Banteay Meanchey – eine nordwestlich an Thailand angrenzende Region – zum ersten Mal ins Leben gerufen wurden,  setzen auf eine freiwillige und lokale Behandlung in Gesundheitszentren. Die Cambodia Daily berichtet, Behandlung sei zwar kostenintensiver, jedoch auch effektiver in der Rehabilitierung von Drogensüchtigen. Die Regierung will nun eher auf die gemeinschaftsbasierte Behandlung setzen, wie Anfang des Monats bekannt wurde.2

Kann es so einfach sein? Kann die Strategie der Regierung Erfolg haben? Die meisten konsumierten Drogen werden über die laotische Grenze ins Land geschmuggelt. Laut Angaben der The Phnom Penh Post werden die Verantwortlichen nicht verhaftet. Zudem gebe es keine Anzeichen, dass weniger Drogen ins Land gebracht werden. Vielleicht müssen auch soziale Probleme bedacht werden. Wie etwa die vielen Straßenkinder Kambodschas. Sie sind besonders anfällig, Opfer von Drogenbanden zu werden. Anfang des Monats wurde in der Hauptstadt Phnom Penh ein achtjähriger Junge mit 35 Päckchen Crystal Meth erwischt. Er ist von Drogenschmugglern als Dealer benutzt worden, um Strafverfolgung zu vermeiden, denn die gibt es erst ab dem Alter von 14 Jahren. NGOs, die sich gegen die Armut einsetzen, fordern die Menschen auf, bettelnden Kindern auf der Straße kein Geld zu geben, denn das würde sie anfälliger für Drogenbanden machen. Außerdem würden sie häufiger auf der Straße betteln, anstatt in die Schule zu gehen. Die NGOs verlangen außerdem ein angemessenes soziales Auffangnetz für Familien.6789

Betrachtet man das Gesamtbild – überfüllte Gefängnisse mit Menschen, deren Entzug nicht gefördert wird; therapiebereite Abhängige, die sich nicht mehr zu den NGOs mehr trauen, aus Furcht verhaftet zu werden; die ebenfalls durch diese Furcht behinderte HIV-Prävention einiger NGOs; die Benutzung von Kindern als Dealer, um Strafverfolgung zu entgehen und gleichbleibende Drogenimporte, da die grenzübergreifenden Schmuggler nicht gefangen werden – erscheint Kambodschas neue Drogenpolitik mehr als nur fragwürdig. Es heißt nun abwarten, wie sich die nächsten sechs Monate der Anti-Drogen Kampagne entwickeln.

  1. The Phnom Penh Post: Is Cambodia’s war on drugs working; Artikel vom 14.06.17 []
  2. The Cambodia Daily: As Drug Arrests Rise, Government Weighs Treatment Shift; Artikel vom 03.07.17 [] [] []
  3. The Cambodia Daily: Government to Continue Drug Crackdown With Nearly M Budget; Artikel vom 14.07.17 []
  4. The Phnom Penh Post: Is Cambodia’s war on drugs working; Artikel vom 14.06.17 []
  5. The Phnom Penh Post: Hidden victims of war on drugs; Artikel vom 24.02.17 []
  6. VOA News: As Street Children NGO Sees Funding Drop, it Looks to Private Enterprise for Sustainability; Artikel vom 19.06.17 []
  7. The Cambodia Daily: Drug Traffickers Use Child Dealers to Elude Arrest, Officials Say; Artikel vom 13.07.17 []
  8. The Cambodia Daily: More Than Arrests Needed to End Child Begging, NGOs Say; Artikel vom 12.07.17 []
  9. The Phnom Penh Post: Drug war’s impact on traffic unclear; Artikel vom 10.07.17 []
Dieser Beitrag wurde unter Gegenmaßnahme abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.