Paraguay nutzt den War on Drugs zum Wahlkampf

Kolumbien Drogen

Pflanzenverbrennungen sind Teil der Strategie des War on Drugs. (Symbolbild) Bild: © Policía Nacional de los colombianos [CC BY-SA 2.0] - Flickr

Paraguay ist der größte Marihuana-Produzent in ganz Südamerika. Das liegt im Großen und Ganzen an drei zentralen Gründen: Zum einen wäre da die Verdienstmöglichkeit. Bauern können mit einer herkömmlichen, legalen Agrikultur bei weitem nicht so viel verdienen wie mit dem Marihuana-Anbau. Zum anderen ist die Qualität von paraguayischem Cannabis von außerordentlicher Güte. Es gilt als besonders rein und der THC-Gehalt, verglichen mit dem argentinischen Produkt, ist um 25 Prozent höher.1 Der dritte große Punkt, warum der Anbau von Marihuana in Paraguay so weit verbreitet ist, liegt an der laxen Strafverfolgung und an korrupten Offiziellen. Vor allem in ländlichen Gebieten fallen Polizeibeamte der Korruption anheim. In Paraguay ist es üblich, dass Marihuana-Produzenten hohe Geldsummen als Willkommensgeschenk für neue Gesetzeshüter mitbringen, um ihr Drogengeschäft unbehelligt weiterführen zu können. In Alto Paraná wurde diese Praxis erstmalig publik. Demnach hat jeder Polizeichef 9.000 US-Dollar erhalten, damit die dort agierende Drogenbande ungestört und frei von Sanktionen weiterarbeiten kann. Leider scheint dies kein Einzelfall zu sein, sondern ist gängige Praxis. Ohne eine innoffizielle Zusammenarbeit zwischen staatlicher Seite und den Drogenbanden wäre eine solche Ausbreitung der Cannabis-Produktion kaum vorstellbar.2 Mittlerweile ist das Ausmaß so groß, dass sogar die Natur davon bedroht ist. Allein im Jahr 2016 verlor Paraguay 15.885 Hektar Wald. Dieser Waldverlust ist auf die steigende Anzahl kleiner Marihuana-Plantagen zurückzuführen, die so vor Eradikation bewahrt werden sollen. Der Atlantische Regenwald von Alto Paraná ist daher schon um 16,8 Prozent seiner ursprünglichen Größe geschrumpft.3

Seit Anfang des Jahres aber kann man eine veränderte Einstellung der Regierung erkennen. Sie lässt allem Anschein nach die Marihuana-Produktion nicht mehr ungehindert gedeihen, sondern kämpft zunehmend gegen die Drogenbanden. Bereits im ersten Halbjahr 2017 wurden 728.000 Tonnen Marihuana konfisziert. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Vergleich zu letztem Jahr und es entspricht 40 Prozent der insgesamt sichergestellten Menge zwischen 2013 bis 2016. Zudem wurden 1.178 Hektar Marihuana-Plantagen zerstört. Wenn man bis Jahresende weiterhin eine solche Menge zerstört, wäre es der höchste Wert seit einem Jahrzehnt.4 Der nun entschieden geführte Kampf gegen Drogen verwundert aber, fragt man sich doch, warum er erst nach Jahren ungebremsten Drogenanbaus beginnt und warum er augenblicklich mit dieser Vehemenz und Ernsthaftigkeit geführt wird. Das Ziel einer generellen Verbesserung der Lage ist zudem nicht zu erkennen. Weder wurden korrupte lokale Behörden umfassend erneuert, noch scheint ein grundlegender Wechsel im Verhältnis zum Marihuana-Anbau erkennbar zu sein. Zwar sind die Behörden schon seit längerer Zeit mit mehr Eifer im Kampf gegen Cannabis im Einsatz und es wurde auch vermehrt die Kooperation mit Nachbarstaaten zur Drogenbekämpfung gesucht, tiefergehende Veränderungen und Schritte zu einem wirklichen Wandel sind aber nicht zu erkennen. Vielmehr dürfte eine opportunistische Strategie der Regierung dahinter stecken. Nächstes Jahr stehen Präsidentschaftswahlen in Paraguay an und Präsident Horacio Cartes möchte seine Wiederwahl sichern. Um das zu erreichen, sind Rekordzahlen von Marihuana-Beschlagnahmungen eine gute Wahlwerbung. Es soll die harte Hand der Regierung und den Aktionswillen des Präsidenten veranschaulichen.

Die Lage insgesamt wird sich aber wohl kaum verbessern, da der Plan auf kurzfristige Erfolge ausgelegt ist und langfristige Ziele in den Hintergrund rücken. Bisher sind keine Schritte eingeleitet worden, um abseits von Beschlagnahmungen die Situation nachhaltig zu verändern und tieferliegende Probleme zu adressieren. Außerdem ist der kompromisslose, mit harter Hand geführte War on Drugs diskussionswürdig. Das Konfiszieren und Verbrennen von Marihuana führt dazu, dass die Preise kurzfristig steigen und der Nachschub nicht in ausreichendem Umfang gewährleistet ist. Langfristig aber führte diese Taktik in noch keinem südamerikanischen Land zum Erfolg. Wenn wichtige andere Maßnahmen, wie Anbaualternativen aufzeigen, Korruption bekämpfen und den ländlichen Raum strukturell fördern, ausbleiben, springt die Drogenproduktion meist schon nach kurzer Zeit wieder auf Normalmaß zurück.5

  1. Todo Noticias: Cómo es Pedro Juan Caballero, la capital narco de Latinoamérica; Artikel vom 18.04.2017 []
  2. InSightCrime: Paraguay Police Took Bribes from Marijuana Producers: Audio Recording; Artikel vom 15.05.2017 []
  3. LatinAmerican Post: Marijuana affecting the environment; Artikel vom 03.07.2017 []
  4. InSightCrime: Are Politics Behind Paraguay’s Spiking Marijuana Seizures?; Artikel vom 05.07.2017 []
  5. InSightCrime: Are Politics Behind Paraguay’s Spiking Marijuana Seizures?; Artikel vom 05.07.2017 []

Über Joseph / earthlink

Ich habe mein Bachelorstudium der Politikwissenschaft in München abgeschlossen. Um die Wartezeit auf den Masterstudiengang sinnvoll zu nutzen, helfe ich bei Earthlink mit. Ich hoffe, dass mir die Chance geboten wird, mich für eine gerechtere und friedlichere Welt einzusetzen.

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