Kolumbien: gefährliches Machtvakuum nach Frieden mit Guerillas

FARC

Viele FARC-Kämpfer sind mit dem Friedensvertrag unzufrieden und kehren zurück. Bild: © Institute for National Strategic Studies [Public Domain] - Wikimedia Commons

Nach dem historischen Friedensabkommen mit der FARC hat die kolumbianische Regierung nun auch mit der letzten bewaffneten Guerillaorganisation, der ELN, einen Waffenstillstand geschlossen. Vom 1. Oktober an werden die Rebellen für erst einmal hundert Tage ihre Waffen niederlegen. Der kolumbianische Präsident Santos gibt sich hoffnungsvoll und sieht „einen ersten Schritt in Richtung Frieden“. Danach könnten beide Parteien einen Friedensvertrag aushandeln. Doch der Weg zum tatsächlichen Frieden und zum Ende der gewaltsamen Konflikte in Kolumbien ist noch lang. Die Feuerpause zwischen Regierung und ELN Rebellen wird das Machtvakuum weiter vergrößern, das durch den Rückzug der FARC aus den von ihr besetzten Gebieten hervorgerufen wurde. Nun werden die sogenannten Bacrim (Bandas criminales), kriminelle Banden, umso mehr versuchen, es zu füllen.1

Die mächtigste von ihnen ist der Golf Clan, auch Los Urabeños oder Clan Úsuga genannt. Er macht Geschäfte mit Entführungen und illegalem Goldabbau, die Haupteinnahmequelle ist aber das Drogengeschäft. Der Clan hat 3000 Mitglieder, die im ganzen Land aktiv sind. An seiner Spitze steht Daniel Antonio Úsuga David, alias Otoniel, der mächtigste Drogenboss in Kolumbien seit Pablo Escobar. Das Kerngebiet der Urabeños ist, wie der Name schon sagt, der Golf von Urabá im Nordwesten des Landes. Turbo, die größte Stadt am Golf, ist der zentrale Umschlagsplatz für Kokain auf dem Weg nach Mittelamerika. Von dort aus wird die Droge nach Acandí auf der anderen Seite des Golfs geschifft und über die nahe Grenze nach Panama geschmuggelt.

Acandí liegt im Departamento Chocó, welches wegen seiner Lage zwischen Panama, Pazifik und Karibik ein historisch wichtiger Rückzugsort für Drogenschmuggler ist. Außerdem liegt im Departamento der Río Atrato, einer der wichtigsten schiffbaren Flüsse in Kolumbien. Chocó ist teilweise kaum erschlossen, der dichte Regenwald erschwert den Zugang. Das und der fruchtbare Boden, der sehr reich an Bodenschätzen ist, machen die Gegend zum idealen Gebiet für den Drogenanbau. Chocó ist ehemaliges FARC-Territorium. Durch den großflächigen Kokaanbau konnte die Guerilla die Hälfte der kolumbianischen Kokainindustrie kontrollieren. Nach ihrem Rückzug versuchen nun andere, sich das Geschäft einzuverleiben, allen voran der Golf Clan, der mittlerweile den größten Teil von Chocó unter seiner Kontrolle hat.234

Die Hochburgen des Clans bleiben aber weiterhin Acandí und Turbo. Der Clan ist hier in der Anwerbung von neuen Mitgliedern sehr erfolgreich, weil sich für die Bewohner nur wenige berufliche Möglichkeiten bieten. Jugendlichen wird ein Motorrad und eine Waffe angeboten, sie werden meistens für Botengänge, manchmal auch für Auftragsmorde eingespannt. Viele werden auch als Drogenkuriere angeworben und schmuggeln Kokain über die Grenze nach Panama. „Sie tragen große Rucksäcke – drei bis vier Tage auf einem Pfad nach Panama. Sie riskieren ihr Leben, mit 30 bis 40 Kilo Kokain auf dem Rücken. Pro Kilo, das sie über die Grenze schaffen, bezahlt man ihnen 300.000 bis 400.000 Pesos“, erzählt Yerison Díaz, der in Acandí lebt. Das entspricht etwa 400 Euro und ist deutlich mehr als der durchschnittliche Tageslohn, der hier bei unter 10 Euro liegt. Auf dem Land wiederum bleibt den Bauern aus Angst vor dem Clan oft gar nichts anderes übrig, als Kokasträucher zu pflanzen.52

Ein trauriges Indiz für die Machtzunahme der Bacrim ist die hohe Zahl ermordeter Aktivisten seit der Unterzeichnung des Friedensvertrags zwischen der Regierung und der FARC. Das Nachrichtenportal „Colombia-Plural“ zählt seit Beginn des Jahres 66 ermordete Aktivisten, die „Führungspositionen in Konfliktzonen einnehmen“. Das entspricht einem gewaltsamen Tod an jedem vierten Tag und belegt, dass in Kolumbien vielerorts trotz des Friedensvertrags kein Frieden einkehrt. Der Gewaltforscher Eduardo Álvarez der Stiftung FiP sagt, die Aggressionen gegen die Aktivisten sollten jene Personen zum Schweigen bringen, die sich gegen den Anbau von Koka einsetzen, oder die gegen den Drogenschmuggel oder den illegalen Bergbau mit seinen ökologischen Folgen protestierten.67

Auch für die Umwelt und die Gesundheit vieler Menschen hat der Machtgewinn der Bacrim schlimme Folgen. Wenn durch den Clan bezahlte Goldschürfer an Flüssen wie dem Río Atrato das Gold aus der Erde waschen, verschmutzen sie das Wasser mit Quecksilber und Zyanid. Das macht die Fische ungenießbar, verkauft und gegessen werden sie aber trotzdem. Das Wasser ist schädlich und giftig, manchen Krankenhäusern bleibt nichts anderes übrig, als es dennoch zu verwenden. Stichproben zeigen, dass die Körper der Einwohner der Provinz bis zu 116 Mal so viel Quecksilber aushalten müssen, wie von der Weltgesundheitsorganisation als unbedenklich angesehen wird. 24 Kinder aus indigenen Gemeinden sind im Jahr 2014 an den Folgen des verunreinigten Wassers gestorben.3

Ein großes Problem ist auch die zunehmende Waldzerstörung nach dem Rückzug der FARC. Der größte Teil ihres ehemaligen Gebiets war Dschungel. Dort waren die Guerilleros eine Art „Umwelt-Autorität“, die den Kleinbauern Regeln hinsichtlich der Abholzung für die Anlage von Äckern oder Weiden auferlegte. Nachdem die Rebellen ihre Gebiete verlassen haben, kommt es dort vielerorts zu unkontrollierter Entwaldung. Größtenteils sind daran die Bacrim wie der Golf Clan Schuld, die Drogenhandelswege und Kokaanbauflächen ausweiten wollen. Besonders stark betroffen ist das Departamento Caquetá, wo 4000 Hektar Tropenwald alleine seit Oktober 2016  abgeholzt und der Dschungel so mittlerweile nahezu ausradiert wurde. Dabei wird das Holz meistens einfach zurückgelassen, sodass es nutzlos verfault. Die Abholzung von so großen Flächen hat auch den Lebensraum von mehr als 2.600 Tier- und Pflanzenarten vernichtet. Davon sind 31 stark vom Aussterben bedroht.8

  1. Deutsche Welle: Kolumbien: Waffenstillstand zwischen ELN-Rebellen und Regierung; Artikel vom 01.10.17 []
  2. Neue Züricher Zeitung: Im Herzen des berüchtigten Clans Úsuga; Artikel vom 17.05.16 [] []
  3. Neue Züricher Zeitung: Kolumbien nach dem Friedensschluss: Im Land von Drachen und Drogen; Artikel vom 30.09.17 [] []
  4. The New Indian Express: With FARC laying down weapons, business booms for Colombian drug lord; Artikel vom 26.09.17 []
  5. Deutschlandfunk: Unterwegs auf Kolumbiens Kokain-Route; Artikel vom 11.05.16 []
  6. Amerika 21: Weiter hohe Anzahl ermordeter Aktivisten in Kolumbien; Artikel vom 01.10.17 []
  7. Zeit Online: Kolumbiens Frieden ist lebensgefährlich; Artikel vom 30.04.17 []
  8. Amerika 21: Kolumbien: Zunehmende Waldzerstörung nach Rückzug der Farc; Artikel vom 26.09.17 []

Über David / earthlink

Ich bin David und habe dieses Jahr mein Abi gemacht. Als Bundesfreiwilliger möchte ich mich jetzt für die nächsten Monate bei earthlink engagieren und mehr über entwicklungspolitische Themen erfahren.
Dieser Beitrag wurde unter Internationales abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.