Gefangen im Strudel aus Angst und Gewalt

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Die Mitglieder der Maras drücken ihre Zugehörigkeit oft mit Tätowierungen am ganzen Körper aus - hier ein Mitglied der Mara Salvatrucha. Bild: © markarinafotos [CC BY-NC-ND 2.0] - Flickr

Wer einmal drinsteckt, kommt so schnell nicht mehr raus. Die Straßengangs Mittelamerikas rekrutieren ihre Mitglieder unter den Jüngsten. Die meisten sind bei ihrem Eintritt in die Gang im jungen Teenager-Alter, manche sogar noch Kinder – im Durchschnitt 14 Jahre alt.

Perspektivlosigkeit oder die Suche nach Zugehörigkeit bringen in El Salvador viele Kinder und Jugendliche zum Beitritt zu den gefährlichsten Jugendgangs auf diesem Planeten. Doch wenn sie nach einigen Jahren ihren Beitritt bereuen und nicht mehr Teil der grausamen Bande sein wollen, haben sie so gut wie keine Möglichkeiten, diese wieder zu verlassen. Die meisten bleiben Mitglieder auf Lebenszeit.1

In El Salvador leidet die Bevölkerung seit Jahren an den Gräueltaten der ansässigen Drogenkartelle und kriminellen Jugendbanden, den „Maras“. Das Land liegt an der Transportroute von Rauschmitteln aus Südamerika in die USA. Kein Wunder also, dass sich in der Region kriminelle Banden ansiedeln, um vom Handel mit den Drogen zu profitieren.2 Der grenzüberschreitende Rauschgifthandel wird von den großen Kartellen dominiert, während sich die Maras dem lokalen Markt widmen. Neben dem Drogenhandel verdienen die Banden vor allem mit Schutzgelderpressungen ihr Geld.3 Straßengangs wie die Mara Salvatrucha (MS-13) und die rivalisierende Mara 18 (Barrio 18) sind für ihre Skrupellosigkeit bekannt. Das macht die Region zu einer der gefährlichsten der ganzen Welt. In El Salvador wurden letztes Jahr 5 200 Menschen ermordet, bei einer Bevölkerungszahl von 6 Millionen.4

Die rivalisierenden Maras liefern sich blutige Machtkämpfe um die Vorherrschaft in den Stadtvierteln. Bei Schießereien auf offener Straße und kaltblütigen Morden kommen nicht nur zahlreiche Bandenmitglieder ums Leben, sondern auch viele Zivilisten. Oft reicht nur ein falscher Blick oder das Überschreiten der Grenze zwischen den Hoheitsgebieten der einzelnen Gruppen für einen Mord. Ganz besonders Kinder und Jugendliche leiden unter der Schreckensherrschaft der Maras. Wer nicht auf Freizeitaktivitäten wie Fußballspielen oder mit Freunden ausgehen verzichtet, muss damit rechnen in die Fänge der Banden zu geraten.5

Doch zahlreiche Jugendliche schließen sich Jahr für Jahr den Maras an. Allein in El Salvador verfügt die MS-13 über 40.000 Mitglieder, Mara 18 zählt 20.000 Mitglieder.5 Viele Heranwachsende in der Pubertät sind auf der Suche nach Stabilität und Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Rebellion und Risikoberreitschaft zur Selbstfindung ist ein allgemeines Phänomen dieser Altersgruppe und auf der ganzen Welt zu finden. In Zentralamerika kann das allerdings fatale Auswirkungen auf die Zukunft der Jugendlichen haben und in ein grausames Leben voll Gewalt, Mord, Furcht und Trauer führen – ohne Auswege. Doch nicht nur pubertärer Leichtsinn veranlasst die Heranwachsenden dazu, sich den Maras anzuschließen. Auch die Perspektivlosigkeit, die viele junge Menschen in den Vororten zentralamerikanischer Städte haben, führt sie zu den Gangs. Wer in den Armenvierteln der Städte San Salvador oder Tegucigalpa aufwächst, hat kaum eine Chance auf wirtschaftlichen Erfolg. Die Jugendlichen erhoffen sich gewisse „Karrierechancen“ innerhalb der Gang und vor allem auch finanzielle Absicherung für sich und ihre Familien. Denn so skrupellos und grausam rivalisierende Maras gegeneinander kämpfen, so eng ist auch der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe. Die Mitglieder und ihre Familien erfahren finanziellen als auch sozialen Rückhalt in der jeweiligen Gang, doch dies zu einem hohen Preis.6

Im Zuge einer Studie der Florida International University zum Thema „Ausstieg aus kriminellen Banden“ wurden über 1 000 aktive und ehemalige Bandenmitglieder El Salvadors befragt. Um die 70 Prozent der Befragten gaben an, bereits über einen Ausstieg aus der Gang nachgedacht zu haben. Das liegt vor allem daran, dass ihnen nach ein paar Jahren als Bandenmitglied die Tragweite ihrer Entscheidung bewusst wird. Sie werden täglich mit Gewalt und Tod konfrontiert. Mit Anfang 20 haben einige bereits selbst Kinder, um die sie sich kümmern und die sie beschützen wollen. Ihre Meinung über die Maras ändert sich. Doch der endgültige Weg aus der Gang ist fast unmöglich.

Der meist gegangene und risikoärmste Weg aus einer Mara ist der Eintritt in eine streng gläubige Kirchengemeinschaft wie die evangelikalen Christen. Dies wird von den meisten Gangs akzeptiert. Warum die sonst skrupellosen Gangbosse einen solchen Respekt vor der Kirche haben und vor allem warum hier die evangelikale Kirche scheinbar eine höhere Akzeptanz genießt als die in Lateinamerika so einflussreiche katholische Kirche, ist nicht klar. José Miguel Cruz, leitender Forscher der Studie, vermutet, dass eine strenge Kirchengemeinde für die Aussteiger eine Art Ersatz für die verlassene Gang bietet, da auch sie Einfluss auf alle Teile des Lebens hat. Aber selbst nach dem Beitritt zur Kirche müssen die Aussteiger aus ihrem Viertel wegziehen oder gar die Stadt oder das Land verlassen, denn als ehemalige Bandenmitglieder stehen sie im Visier der rivalisierenden Gruppen. Eine andere Möglichkeit, der alltäglichen Gewalt und dem Morden zumindest größtenteils zu entgehen, besteht darin, ein „calmado“, also ein „ruhig gestelltes“ Mitglied, zu werden. Dabei verlässt derjenige zwar die Mara nicht endgültig, aber er muss nicht mehr an den Kämpfen der Gruppe teilnehmen. Die absolute Loyalität gegenüber der Gang wird allerdings trotzdem vorausgesetzt und eine Verleugnung oder gar der Verrat der Mara wird hart bestraft. Die calmados übernehmen oft Aufgaben, die nicht unmittelbar mit den Bandenkriegen zusammenhängen, wie beispielsweise das Aufbewahren von Waffen oder das Überbringen von Nachrichten.

Ein endgültiger Ausstieg aus der Mara birgt für das jeweilige Gangmitglied, aber auch für dessen Familie, ohne Frage das enormes Risiko, diesen mit dem Leben zu bezahlen. Doch nicht nur die eigene beziehungsweise die rivalisierende Mara machen den Ausstieg in El Salvador fast zur Unmöglichkeit, sondern auch die Polizei, der Staat und die Gesellschaft. Ehemaligen Bandenmitgliedern wird meist keine Hilfe zur Rehabilitation angeboten, eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft fällt extrem schwer. Die Regierung El Salvadors bemüht sich kaum um Programme zur Resozialisierung, sie bekämpft die Straßengangs mit roher Gewalt. Laut José Miguel Cruz glaubt die Regierung nicht an eine mögliche Rehabilitation ausgestiegener Mitglieder. Sie erlaube gerade einmal ein paar NGOs, Resozialisierungsprojekte zu verwirklichen.

Doch die Straßengangs nur mit derselben Brutalität zu bekämpfen, wie sie von ihnen ausgeht, kann nicht der Schlüssel zum Erfolg sein. Um der Bevölkerung El Salvadors ein sichereres Leben ohne ständige Angst vor Gewalt und Tod möglich zu machen, muss die Regierung zu anderen Mitteln greifen. Dazu zählen ein funktionierendes Rechtssystem und vor allem auch Projekte, die Aussteiger schützen und ihnen durch Bildung und Arbeitsplätze die Wiedereingliederung in die Gesellschaft leichter machen. Nur so kann der Kreislauf aus Angst, Gewalt und Mord zu einem Ende kommen.6

  1. InSight Crime: Why it’s so hard to leave El Salvador’s Gangs; Veröffentlicht am 16.10.2017 []
  2. Spiegel Online: Alle Macht den Drogen; Veröffentlicht am 10.04.2016 []
  3. El Faro: Maras y narcotráfico; Veröffentlicht am 19.03.2014 []
  4. Amerika 21: Konflikt mit Banden in El Salvador flammt wieder auf, Regierung hilflos; Veröffentlicht am 04.02.2017 []
  5. Stern: Im gefährlichsten Land der Welt; Veröffentlicht am 28.04.2016 [] []
  6. InSight Crime: Why it’s so hard to leave El Salvador’s Gangs; Veröffentlicht am 16.10.2017 [] []
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