Wie der kolumbianische Kokainhandel funktioniert – ein ehemaliger Drogenhändler packt aus

Kokainkonsum

Bild: © Matthijs [CC BY-NC-ND 2.0] - flickr

In der größten kolumbianischen Tageszeitung, El Tiempo, hat ein ehemaliger Drogenhändler, der als „Camilo“ bekannt ist, ein bemerkenswertes Interview über die Funktionsweise des kolumbianischen Kokainhandels gegeben. „Camilo“ wurde von der Polizei festgenommen, hat aber einen Deal abgeschlossen und kooperiert nun mit dieser. Zuvor arbeitete er fast ein Jahrzehnt lang als Lieferungskoordinator für die Drogenlieferungen einiger der mächtigsten Drogennetzwerke Kolumbiens. Er gab Einblick in die Funktionsweise der gesamten Lieferkette, von der Beschaffung der Drogen über ihre Verschiffung und die Bestechung von Beamten bis hin zu seiner Bezahlung mithilfe eines Geldwäschenetzwerks.1

Am Anfang wurde „Camilo“, wie er angab, immer durch einen Mittelsmann von seinem Auftragsgeber, wie den Urabeños, kontaktiert. Diese benötigten seine Hilfe, um Drogen nach Europa oder in die USA verschiffen zu können. Anschließend kontaktierte er seine korrupten Kontaktmänner bei den Behörden, zuerst beim Zoll. „Ich arbeitete mit Zollbeamten zusammen, die für die Logistik zuständig sind. Sie sagten mir, welche Container für ein bestimmtes Ziel an einem bestimmten Tag für eine bestimmte Route mit einem bestimmten Schiff verfügbar sind“, erzählte „Camilo“ im Interview.2

Danach nahm er Kontakt mit seinen korrupten Kontakten bei der Anti-Drogen Polizei auf, um in Erfahrung zu bringen, ob die Polizisten, die an diesem bestimmten Tag Dienst hatten, bestochen werden konnten. Gleichzeitig bekam er eine Meldung darüber, ob das Frachtunternehmen, in deren Containern die Drogen platziert werden sollten, keine Einwände dagegen einlegen würde. War das doch der Fall, wurde sofort die ganze Operation abgebrochen. Wenn aber alles funktionierte, bekam „Camilo“ seine Bezahlung durch ein Geldwäschenetzwerk, das mit einer Reihe von Supermärkten operierte. Über die Supermärkte wurde das Geld vom Verkauf der Drogen in Euro und Dollar gewaschen. Die eigentliche Herkunft der enormen Summen konnte so verschleiert werden. „Camilo“ erhielt sein dann „sauberes“ Geld in kolumbianischen Pesos.1

Ging dagegen etwas schief, wurde „Camilo“ dafür auch zur Verantwortung gezogen. Einmal musste er 3,5 Milliarden Pesos (1,1 Millionen Dollar) aus eigener Tasche zahlen, weil die Anti-Drogen Polizei am Hafen 820 Kilogramm Kokain beschlagnahmt hatte. „Ich musste alles zurück bezahlen. Sie gaben mir dafür fünfzehn Tage Zeit. Es galt: Zahlen oder sterben.“1

Manchmal mussten die Drogen auch für eine bestimmte Zeit zwischengelagert werden, bevor sie verschifft werden konnten.  Einmal bat ein Kunde „Camilo“ darum, weil es zuvor in Panama eine große Drogenrazzia gab, durch die der Kokainpreis stark gesunken war. „In Panama kostet ein Kilogramm Kokain 4.500 Dollar. Aber die Behörden sind so korrupt, dass sie die Drogen selbst verkaufen, wenn sie sie abfangen und das lässt den Preis sinken.“2

Er berichtete im Interview mit El Tiempo außerdem, dass er durchschnittlich zwischen 600 und 700 Millionen Pesos  (etwa 200.000-230.000 Dollar) pro Monat für seine Arbeit bekam. Ihm sei es lieber gewesen, kleinere Mengen, wie z.B. eine halbe Tonne, an Kokain zu verschiffen. Bei diesen Mengen seien ihm nach Abzug aller Kosten am Ende etwa 500 Millionen Pesos (165.000 Dollar) geblieben.2

Als er von El Tiempo gefragt wurde, ob der Handel mit Drogen eines Tages enden würde, antwortete er, dies sei „unmöglich“. „Einem Anti-Drogen Polizisten, der monatlich 1,4 Millionen Pesos (460 Dollar) verdient, oder einem Zollbeamten, dem sagt man: „Schau her, hier sind 10 Millionen Pesos (3.300 Dollar), die du bekommst, wenn du einen Container nicht überprüfst. Und wenn das funktioniert, dann folgt noch mehr Geld.“2

Diese Aussage verdeutlicht, was für ein riesiges Problem Korruption in Kolumbien ist, speziell bei der Polizei. Ohne bestochene Polizeibeamte wäre es für die Drogennetzwerke unmöglich, solche enormen Mengen an Kokain unbemerkt zu verschiffen. Mit ihren finanziellen Ressourcen fällt es ihnen hingegen leicht, einen Teil ihrer Einnahmen in die Bestechung von Polizisten zu investieren. Vielen Polizisten fällt es schwer zu widerstehen, wenn sie auf einen Schlag fast das Achtfache ihres monatlichen Gehalts bekommen, um bei bestimmten Containern „wegzuschauen“. Und die, die widerstehen, werden laut „Camilo“ zur Zusammenarbeit gezwungen. Der kolumbianische Staat hat dem bislang nichts entgegenzusetzen.2

Bereits in einem kürzlich von Transparency International veröffentlichten Bericht kam Kolumbien bei seinen eigenen Bürgern in Sachen Korruption besonders schlecht weg. Fast zwei Drittel der befragten Kolumbianer waren der Meinung, dass die Korruption in ihrem Land in den letzten 12 Monaten gestiegen sei. 60 Prozent waren der Meinung, dass ihre Regierung bei der Bekämpfung von Korruption schlechte Arbeit leiste. Mehr als 40 Prozent waren der Ansicht, dass fast alle oder alle Polizisten korrupt seien.34

Kolumbien hat zwar bereits einige wichtige Anti-Korruptionsgesetze erlassen und internationale Abkommen unterschrieben. Aber das ist nicht genug und bislang scheinbar auch nicht besonders wirkungsvoll. Transparency International fordert für die Korruptionsbekämpfung ein stärkeres Justizsystem und  Schutz für Whistleblower. Wichtig sei vor allem aber auch eine „aufgeräumte“, integre Polizei mit wirkungsvollen Anti-Korruptionsmaßnahmen innerhalb der Behörde. Daneben sei die effektive Einbindung der Zivilbevölkerung essenziell.53

 

  1. InSight Crime: Tell-All Interview Exposes Details Of Colombia’s Cocaine Trade; Artikel vom 02.11.17 [] [] []
  2. InSight Crime: Tell-All Interview Exposes Details Of Colombia’s Cocaine Trade; Artikel vom 02.11.17 [] [] [] [] []
  3. Transparency International: People and Corruption: Latin America and the Caribbean; veröffentlicht am 09.10.17 [] []
  4. transparency.org: Corruption on the rise in Latin America and the Caribbean; Artikel vom 09.10.17 []
  5. The Bogotá Post: Combating the Colombian corruption crisis; Artikel vom 16.01.17 []

Über David / earthlink

Ich bin David und habe dieses Jahr mein Abi gemacht. Als Bundesfreiwilliger möchte ich mich jetzt für die nächsten Monate bei earthlink engagieren und mehr über entwicklungspolitische Themen erfahren.

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