Massaker in Magüí Payán: Eine versteckte Zeitbombe in Post-Konflikt-Ära Kolumbiens

Vorbote eines Krieges

Das Massaker offenbart die tickende Zeitbombe des sich langsam wiederaufflammenden Krieges. Bild: © Policía Nacional de los colombianos [CC BY-SA 2.0] - Flickr

Im südöstlichen kolumbianischen Department Nariño, in der Stadt Magüí Payán, hatte es am 27. November 2017 eine bewaffnete Auseinandersetzung gegeben. Dabei kam es zu einer gewaltsamen Konfrontation zwischen der Comuneros del Sur Fraktion der Nationalen Befreiungsarmee (EJército de Liberación Nacional – ELN) und den Dissidenten der 29. Front der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia – FARC). Laut der kolumbianischen Zeitung „Semana“ verstarben an diesem Tag insgesamt 13 Menschen. Dieses Massaker offenbart die noch tiefe Wunde, die wiederaufreißen könnte. Damit ist wieder eine tickende Zeitbombe enthüllt worden, die diesen Teil des Landes bedroht.1

Mit der Abwesenheit des Staates als auch durch die „Bemühungen“ illegaler bewaffneter Gruppierungen, die die Kontrolle über ihren überlebenswichtigen Drogenhandel bekommen wollen, gilt diese Region als besonders gefährdet. Warum das so ist, liegt daran: Magüí Payán ist neben der Stadt Barbacoas und der Stadt Roberto Payán einer der Gemeinden, die das sogenannte Telembí -Dreieck bilden. Es ist ein von den städtischen Zentren sehr entferntes Gebiet, in dem der gleichbenannte Fluss „Telembi“ liegt. Der Fluss fließt vom Fluss Grand Patia, einem natürlichen Korridor, entlang, der mehrere der fruchtbarsten Gebiete der Kokaproduktion (Barbacoas, Olaya Herrera und Roberto Payán) mit den Zugangspunkten für internationale Drogenhandelsrouten nach Zentralamerika durch Ecuador verbindet. Der Fluss erleichtert die Bewegung von kriminellen Gruppen und ist eine ausgezeichnete Autobahn für den Handel in jeder Phase der Drogenproduktion. Die Kontrolle über ihn und andere Flüsse ergibt auch die Möglichkeit, dass die Kriminellen auch den illegalen Bergbau im Telembí-Dreieck fördern können. Die Organisation „InSight Crime“ bezeichnet die Region, in der das Massaker stattgefunden hat, deshalb als „Ground Zero“ des Kokainhandels. Dies ist der Ort, an dem sich alle kolumbianischen Zweifel im Post-Konflikt in neuen Gewaltzyklen entladen, und die sich Ende 2016 auch in Gemeinden in der Nähe von Magüí Payán ständig verschärften.1

Bei einer Exkursion in die Region durch „InSight Crime“ im Januar und Februar dieses Jahres wurden viele Beweise entdeckt, die auf die langsame Übernahme des Flusses durch kriminelle Gruppierungen hindeuten. Die Organisation beobachtete Kämpfe um die Kontrolle über illegale Wirtschaftssysteme, die hauptsächlich etwas mit der Kokainproduktion zu tun hatten, aber zudem den illegalen Bergbau betrafen. Seit Mitte 2016 hat diese beständige „Dynamik“ zu einem „ruhigen Krieg“ geführt. Infolgedessen sind die Tötungsdelikte in Gemeinden wie Olaya Herrera und El Charco, die weiter östlich liegen und mit dem Fluss Telembí durch den Fluss Patía verbunden sind, gestiegen. Der Südosten, wo sich die Patía mit anderen Flüssen wie der Satinga und Sanquianga aus dem Gebiet verbindet, erlebte das ganze Jahr über Gefechte und innere Spannungen. Als dort die ELN in Gebiete eindrang, die zuvor von der FARC während des bewaffneten Konfliktes beherrscht wurden, entlud sich die Gewalt. An allen Kämpfen waren auch die Dissidenten der 29. Front beteiligt gewesen. Nach den ersten Berichten der kolumbianischen Streitkräfte waren unter den Toten am Montag ein Gemeindevorsteher und ein gesetzlicher Vertreter eines lokalen Gemeinderates. Dessen Bruder, der auch verletzt wurde, bleibt anscheinend bis heute in den Händen der ELN bzw. in Haft.1

Seit Beginn der Post-Konflikt-Ära in Kolumbien sind die Menschen in der Region in den Drogenhandel hineingerutscht. Im Telembí–Dreieck sind alternative Beschäftigungsmöglichkeiten und nachhaltige legale Ökonomien fehl am Platz. Ein erheblicher Teil der dort lebenden Bevölkerung lebt von illegalem Kokaanbau. Drogenkartelle halten die Region fest in der Hand. In der Stadt Barbacoas, die die größte Stadt der Region Nariño darstellt, prägt die Gewalt das Landschaftsbild. Die Anwesenheit von bewaffneten Gruppen, die Unzulänglichkeiten des Staates bei der Bekämpfung von Armut sowie die immer wieder auftretenden Gewaltsituationen verleiten die Menschen dazu mitzumischen, um zu überleben. Wenn der Staat versucht hatte, illegale Koka-Ernten auszurotten, haben sie gewaltsame Konfrontationen herbeigeführt oder haben inmitten von Gewalt, die von bewaffneten Gruppen in der Region erzeugt wird, eben diese Gewalt befeuert. Es scheint so, dass das letztere auf das Ereignis am 27. November zutrifft. Laut der offiziellen Version des Szenarios der kolumbianischen Regierung feierten die Einheimischen von Magüí Payán, mitten im Kreuzfeuer zwischen den bewaffneten Gruppen, sogar die brutale Auseinandersetzung. Zufälligerweise fand das Massaker auch zur selben Zeit statt, als demobilisierte FARC-Mitglieder eine spezielle und auf sie zugerichtete sogenannte „Konzentrationszone“ in der Gemeinde Policarpa im Norden verlassen hatten. Diese Konzentrationszonen sollen eigentlich dazu dienen, die Kämpfer der FARC auf ein normales Leben vorzubereiten.2

Bei dieser Herausforderung versagen diese jedoch kläglich. Denn der ländliche Raum, wo die Konzentrationszonen stationiert sind, wurde von der Regierung schon längst aufgegeben. Die Gründe liegen an den Misserfolgen der Umsetzung des Friedensabkommens mit der FARC. Insbesondere im Hinblick auf den Bau von Infrastrukturen, die produktive Projekte und sichere Bedingungen für Gemeinschaften und EX-Guerillas der 29. und 9. Fronten der FARC schaffen sollten, gibt es ein großes Scheitern. Alle diese Vorfälle zeigen noch einmal deutlich auf, dass das Friedensabkommen sehr stark rüttelt: Es eröffnet bei akuten Problemen in der jetzigen Post-Konflikt-Situation entsprechend auch Möglichkeiten für andere zivile „Akteure“ (Einheimische), diese Zerrüttung zu nutzen, um illegale Wirtschaftssysteme wiederaufleben zu lassen sowie andere Personen (FARC-Guerillas), die sich immer noch leicht manipulieren lassen, mit reinzuziehen. Das Massaker führte auch zu erhöhter Besorgnis um die Sicherheit der Region Nariño. Der Bürgermeister von Policarpa sagte in einem Interview mit Insight Crime: „Jedes Wochenende werden Menschen getötet. Die Gewaltquote ist gegenüber 2016 um 160 Prozent gestiegen.“2

In vor allem diesen entfernten Regionen, wo staatliche Unterstützung komplett fehlt, haben Gewalt, die Omnipräsenz des Drogenhandels und andere Probleme der Post-Konflikt-Situation zu tickenden Zeitbomben geführt. Das Massaker in Magüí Payán erinnert nur daran, was passiert, wenn es jeden Moment wieder losgehen könnte.2

  1. InSight Crime: Massacre in Magüí Payán, Post-Conflict Colombia’s Hidden Time Bomb; 07.12.2017 [] [] []
  2. InSight Crime: Massacre in Magüí Payán, Post-Conflict Colombia’s Hidden Time Bomb; 07.12.2017 [] [] []

Über Arystarkh / earthlink

Ich bin der Arystarkh, 20 Jahre alt und engagiere mich freiwillig bei earthlink e.V. Ich will etwas für meine persönliche Entwicklung unternehmen und Menschen über Geschehnisse weltweit informieren. Darum mache ich den Bundesfreiwilligendienst.
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