Warum die Verhaftung von Medellins oberster krimineller Figur die Drogenkriminalität nicht reduzieren kann

Drogenkriminalität

Die Stadt Medellin in Kolumbien: Die Verhaftung von "Tom" hat hier keinen Einfluss auf die Drogenkriminalität. | Bild: © Marcelo Druck [CC BY-NC-ND 2.0] - Flickr

Am 09. Dezember 2017, seinem Geburtstag, wurde Juan Carlos Mesa Vallejo, auch bekannt als „Tom“ oder „Carlos Chata“, gefasst und verhaftet. Dabei handelt es sich um den obersten Kriminellen der Unterwelt der kolumbianischen Stadt Medellin. Er wurde wegen schwerer verbrecherischer Tätigkeiten angeklagt. So war er im Besitz illegaler militärischer Waffen und hatte gefälschte Dokumente benutzt. Derzeit wird er in einem Gefängnis in Bogotá in Isolationshaft gehalten und soll laut der kolumbianischen Zeitschrift „El Colombiano“ wahrscheinlich bald an die USA ausgeliefert werden. Seine Gefangenschaft wird aber zu nichts führen.1

„Tom“, ein Berufsverbrecher aus der Stadt Bello, die nördlich von Medellin liegt, soll Anfang der 2000er Jahre eine führende Rolle innerhalb der mächtigen kriminellen Gruppe namens „Oficina de Envigado“ gespielt haben. Jedoch begann Carlos Karriere mit der „Chatas-Gruppe“. Er gestaltete diese in den 1990er Jahren mit und sollte sie später führen. Zuerst stand die Gruppe aber unter der Führung von Diego Fernando Murillo, alias „Don Berna“, dem Nachfolger von Pablos Escobars Reich. Unter seinem Namen würden die „Chatas“ unter das Banner der „Oficina“ treten und sich somit zu einer mächtigeren skrupellosen Struktur entwickeln. Es kam jedoch anders: Don Berna wurde 2008 verhaftet und in die USA ausgeliefert. Danach kämpften verschiedene Fraktionen der „Oficina“ um die Vorherrschaft. Als auch der Chef der „Oficina“, Erickson Vargas Cardenas, alias „Sebastian“, gefangen genommen wurde, ergab sich ein Machtvakuum, das es „Tom“ erlaubte, in eine prominentere Rolle der Organisation einzusteigen. Nelson Matta Colorado, ein investigativer Journalist von „El Colombiano“, sagte gegenüber „InSight Crime“: „ Tom war Sebastians Militärchef…Als einer seiner vertrauenswürdigsten Kontakte hatte er Verbindungen geknüpft. Es war eine Nachfolge.“2

2013 konsolidierten die Kriegsparteien der „Oficina“ einen Waffenstillstand und schlossen eine Allianz mit ihren früheren Rivalen, den „Urabeños“. Diese ist zurzeit die mächtigste kriminelle Organisation in Kolumbien. Nach Angaben der kolumbianischen Nationalpolizei war „Tom“ demnach für den Kokaintransport quer durch die Stadt Medellin verantwortlich, wohingegen die Urabeños“ sich um die Verschiffung der Drogen über die Grenzen Kolumbiens kümmerten. Matta erklärte InSight Crime, dass im Vergleich zu anderen früheren Oficina-Anführern Tom diese Partnerschaft mit den Urabeños“ sehr zugute kam bzw. ihm eine zusätzliche Machquelle bot: „Als Tom im Vorstand der kriminellen Direktoren [der Oficina] ankam, erkannte er die Macht, die er über die anderen hatte. Also hat er einen Deal mit den Urabeños geschlossen, um mehr Einfluss und kriminelle Unterstützung zu gewinnen.“ Die USA erkannten die Gefahren des „Oficina-Waffenstillstandes“ (Vereinigung mit den Urabeños) und begangen kurz danach Carlos und seine kriminellen Verbündeten anzugreifen. So hatte das US-Finanzministerium Tom auf seine „Kingpin Liste“ gesetzt. Dann setzte das US-Amt die „Chatas“ wegen „Drogenhandels und Gewalt zur Unterstützung der Oficina de Envigado“ auch auf die schwarze Liste. Bis zum Jahr 2016 boten die USA eine zwei Millionen US-Dollar hohe Belohnung für Informationen an, die zu Toms Verhaftung führen könnten.2

Die interne Dynamik der „Oficina de Envigado“ hat Medellins Sicherheitslandschaft bedeutend mitgeprägt. Carlos jetzige Verhaftung wird aber sehr wahrscheinlich keine großen Auswirkungen auf die Unterwelt der Stadt Medellin haben. Trotz seiner dortigen Bekanntheit wird seine Festnahme die kriminellen Aktivitäten der Oficina kaum beeinflussen. Auch frühere Verhaftungen von Oficina-Mitgliedern mit einem ähnlichen Rang wie dem von Tom erwiesen sich als wenig wirkungsvoll. Dennoch werden sie bis heute von den Behörden als großer Erfolg hervorgehoben. Diese bisherige Erfolgslosigkeit der kolumbianischen Behörden geht auf das Konto von Oficinas Struktur, die nicht von einer einzigen Führungsfigur geleitet ist. Matta erklärte: Heutige kriminelle Organisationen wie die Oficina besitzen keine pyramidale Struktur, sondern funktionieren eher mit einem Vorstand, der aus verschiedenen Direktoren besteht. Also hat die Erfassung eines von ihnen, wie sie gerade stattgefunden hat, keinen Einfluss auf die gesamte Struktur. Die Organisation hat keine bedeutenden Auswirkungen auf ihre Finanzen erlitten, und wenn jemand verhaftet wird, ersetzen sie einfach ein Stück durch ein anderes. Die Struktur wird erhalten bleiben, und das wird auch ihre Arbeitsweise, denn sie war bisher ein erfolgreiches kriminelles Modell.1

Wozu seine Gefangenschaft wahrscheinlich führen wird, ist eine zeitliche Verschiebung in den geplanten Operationen der Gruppierung. Die Urabeños selbst stehen auch nach einer Reihe von Verhaftungen ihrer Führungsspitzen unter Druck und werden wahrscheinlich nach einem neuen lokalen Partner im Kokainhandel in den Reihen der Oficina Ausschau halten. Ein weiterer Effekt nach Toms Festnahme könnte darin bestehen, dass Kriminelle ermutigt werden, sich unauffälliger zu verhalten, um nicht erwischt zu werden. Das ist eine Strategie, die andere Verbrecher in Lateinamerika effektiv nutzen.2

Ein Kommentator sagte nach der Pressemitteilung über Vallejos Verhaftung einen wahren Satz: „Ein lebender Hund ist besser als ein toter Löwe.“1

  1. InSight Crime: Colombia Arrests Top Figure in Medellín Underworld, but Impact Likely Limited; 20.12.2017 [] [] []
  2. InSight Crime: Colombia Arrests Top Figure in Medellín Underworld, but Impact Likely Limited; 20.12.2017 [] [] []

Über Arystarkh / earthlink

Ich bin der Arystarkh, 20 Jahre alt und engagiere mich freiwillig bei earthlink e.V. Ich will etwas für meine persönliche Entwicklung unternehmen und Menschen über Geschehnisse weltweit informieren. Darum mache ich den Bundesfreiwilligendienst.
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