Machtvakuum im kolumbianischen Drogengeschäft führt zur Verschärfung der Bandenkriege in Brasilien

Brasilien Gewalt

Die Konflikte zweier brasilianischer Mafiagruppen führen zum Anstieg der Gewalt im Land. | Bild: © Jeff Djevdet [CC BY 2.0] - Flickr

Im vergangenen Jahr versank Brasilien in einem Strudel aus Gewalt. Grund dafür sind die erneut aufgeflammten Auseinandersetzungen der beiden größten Drogenkartelle des Landes „Comando Vermelho“ (CV) und „Primeiro Comando da Capital“ (PCC). Sie kämpfen um Einfluss und Macht im internationalen Drogenhandel.1

Im Oktober 2016 flammte der Bandenkrieg der beiden Gruppierungen nach jahrelangem Waffenstillstand wieder auf.  Ausschlaggebend dafür könnte eine Neuordnung des gesamten Drogenhandelsnetzes in Lateinamerika nach dem Friedensabkommen der kolumbianischen FARC sein. Die Guerilla-Gruppe FARC war bisher für 70 Prozent des Drogenhandels in Kolumbien verantwortlich. Nach dem sie im Jahr 2016 einen Friedensvertrag mit der kolumbianischen Regierung abschloss, zog sie sich offiziell aus dem Geschäft mit Drogen zurück.2

Brasilien entwickelte sich in den letzten Jahren zum Land mit dem zweithöchsten Kokainkonsum der Welt. Die USA liegen auf Platz eins. Außerdem werden die Drogen aus verschiedenen südamerikanischen Ländern über brasilianische Hafenstädte in andere Konsumregionen, vor allem nach Europa, verschifft. Bisher wurde Kokain hauptsächlich aus Bolivien und Peru über den südlichen Landesteil nach Rio de Janeiro und São Paulo geschmuggelt. Nach dem Rückzug der FARC aus dem Drogenhandel entstand im Amazonasgebiet eine Art Machtvakuum, um das sich nun die brasilianischen Kartelle bekriegen. Es geht um die Vorherrschaft im Drogenexport nach Europa, der für die südamerikanischen Banden immer interessanter wird. Die Außenpolitik von US-Präsident Trump und seiner Ankündigung, die Grenze zu Mexiko zu schließen, lässt die Kartelle vermuten, dass der Drogenhandel in die USA in Zukunft schwieriger wird. Außerdem sind die Kilopreise für Kokain in Europa im Vergleich sehr viel höher als in den Vereinigten Staaten. Es lassen sich höhere Gewinne erzielen.2

Doch die abgelegenen Provinzen im Nordosten Brasiliens sind  nicht auf einen Anstieg des Drogenschmuggels und der Bandenkriminalität vorbereitet. Rund 1 500 brasilianische Soldaten sind entlang der durch den Amazonasregenwald laufenden Landesgrenze stationiert. Doch um die Kriminalität effektiv zu bekämpfen, müssten laut einem Bericht des Sicherheitsministeriums weitere 7 000 Soldaten in den Regenwald-Provinzen eingesetzt werden. „Wir sind 30 Offiziere, die für ein Gebiet der Größe Frankreichs zuständig sind“, sagt Marcos Vinicius Menezes, Polizeichef von Tabatinga, einer Stadt im Drei-Länder-Eck von Brasilien, Peru und Kolumbien. Die Polizei ist sehr schwach ausgestattet. Oft fehlt Treibstoff für die Stromgeneratoren oder Patrouillenboote, den Hauptfortbewegungsmitteln im Regenwald. „Die Schmuggler machen sich lustig über uns“, sagt ein Offizier im Gespräch mit der Neuen Züricher Zeitung. Die Regierung plant, die Sicherheitskräfte in Zukunft besser auszustatten und das Budget für die Grenzsicherung zu erhöhen. Das wäre dringend nötig, denn gegen die mächtige und hochtechnisierte Drogenmafia haben die Ordnungshüter im Amazonasregenwald bisher kaum eine Chance.34

Die Gangs führen ihre Kämpfe meist dort aus, wo sie selbst gegründet wurden: in den Gefängnissen Brasiliens. Im Januar des vergangenen Jahres kamen bei Aufständen in brasilianischen Haftanstalten über 130 Menschen ums Leben. Sie wurden von den jeweils gegnerischen Bandenmitgliedern ermordet. Das „Comando Vermelho“(CV) wurde in den 70er Jahren während der Militärdiktatur in den Gefängnissen von Rio de Janeiro gegründet, wo neben „gängigen“ Kriminellen auch Regimekritiker einsaßen. Das PCC aus São Paulo wurde in den 90er Jahren ebenfalls von Häftlingen gegründet. Zunächst zum Schutz vor der Willkür seitens der Aufseher und der Polizei. Doch diese Gruppierungen entwickelten sich schnell zu mächtigen Drogenkartellen, die mit organisierter Kriminalität im ganzen Land zugange sind. Die Zustände in den brasilianischen Gefängnissen sind verheerend. Die Haftanstalten sind maßlos überfüllt. Derzeit sitzen über 600 000 Menschen im Land in Gefangenschaft, viele von ihnen in Untersuchungshaft. Sie warten oft jahrelang auf einen Prozess. In den Gefängnissen müssen sich oft Dutzende eine Zelle teilen. Zu ihrem eigenen Schutz schließen sich viele Häftlinge den Gangs wie CV oder PCC an, die mittlerweile fast alle brasilianischen Strafanstalten kontrollieren.5

Erst vergangene Wochen kamen bei Aufständen in einer Haftanstalt in Goiânia mindestens neun Menschen ums Leben. Während des Vorfalls brachen mehr als 100 Häftlinge aus. Laut Medienberichten sind in Goiânia nur fünf Gefängniswärter für 900 inhaftierte Personen zuständig.6

Jedoch findet die zunehmende Gewalt nicht nur in den Strafanstalten Brasiliens statt. Zwischen 2005 und 2015 stieg die Mordrate im Land stark an. Im Jahr 2015 wurden 59 080 Morde in Brasilien begangen, das entspricht 28,9 Tötungsdelikten pro 100 000 Einwohner. Im Vergleich dazu: In Deutschland liegt die Mordrate bei 0,8/100 000  Einwohner.7 8 An der nordbrasilianischen Atlantikküste werden immer mehr Gewalttaten registriert. Städte wie Natal, Salvador oder Fortaleza waren früher beliebte Reiseziele ausländischer Touristen. Doch mittlerweile haben diese Provinzhauptstädte Mordraten, die mit denen in Bürgerkriegsgebieten vergleichbar sind. Unter den 30 Städten mit den weltweit höchsten Quoten an Tötungsdelikten liegen elf Orte im Amazonasgebiet und Nordosten Brasiliens.3 Auch in den beiden Großstädten Rio de Janeiro und São Paulo haben Gewaltverbrechen in den vergangenen Jahren zugenommen. Zwischen Januar und März 2017 wurden 250 Morde im Großraum São Paulo registriert, das entspricht einer Zunahme von 31,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr.9

Experten von InSight Crime nennen als ausschlaggebenden Faktor für die starke Zunahme der Gewalttaten unter anderem die aktuelle Wirtschaftskrise in Brasilien. Der Mangel an Arbeitsplätzen und eine hohe Jugendarbeitslosigkeit führt bei den Drogenkartellen zu steigenden Mitgliederzahlen. Viele junge Erwachsene schließen sich aufgrund der Perspektivlosigkeit den Gangs an.10

  1. InSight Crime: GameChangers 2017: Government and Gangs Battle for Brazil; Veröffentlicht am 08.01.2018 []
  2. Neue Züricher Zeitung: Im Amazonas braut sich ein Gewaltszenario zusammen, dessen Konsequenzen auch in der Schweiz zu spüren sein werden; Veröffentlicht am 06.04.2017 [] []
  3. Neue Züricher Zeitung: Im Amazonas braut sich ein Gewaltszenario zusammen, dessen Konsequenzen auch in der Schweiz zu spüren sein werden; Veröffentlicht am 06.04.2017 [] []
  4. Reuters: Deep in the jungle, Brazil struggles to battle drug trade; Veröffentlicht am 20.01.2017 []
  5. InSight Crime: Brazil Authorities Caught in Prison System’s Vicious Cycle; Veröffentlicht am 19.01.2017 []
  6. Deutsche Welle: Mindestens neun Tote bei Kämpfen in brasilianischem Gefängnis; Veröffentlicht am 02.01.2018 []
  7. InSight Crime: Report Highlights Rising Violence in Northern Brazil; Veröffentlicht am 13.06.2017 []
  8. Deutsche Welle: Sieben Tötungen pro Stunde in Brasilien; Veröffentlicht am 30.10.2017 []
  9. InSight Crime: Brazil Officials Link Rising São Paulo Violence to Gang Conflict; Veröffentlicht am 09.05.2017 []
  10.  InSight Crime: GameChangers 2017: Government and Gangs Battle for Brazil; Veröffentlicht am 08.01.2018 []

Über Daniela / earthlink

Ich habe gerade meinen Geographie-Bachelor an der LMU München abgeschlossen. Mit dem Praktikum bei Earthlink e. V. möchte ich eine Einblick in den Arbeitsalltag einer NGO gewinnen. Die Arbeit mit entwicklungspolitischen Themen und Nachhaltigkeit macht mir viel Spaß.
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