Kolumbien: Trotz FARC-Friedensvertrag nehmen Massenvertreibungen zu

UNHCR Kolumbien

UNHCR-Vertreter im Gespräch mit Vertriebenen in Kolumbien. Bild: © UNHCR/ACNUR Américas [CC BY-NC-SA 2.0] - Flickr

Kolumbien ist das Land mit den meisten Binnenflüchtlingen weltweit. 7,4 Millionen Vertriebene innerhalb der eigenen Landesgrenzen übertreffen sogar das bürgerkriegsgeplagte Syrien. Erheblich dazu beigetragen haben neben den durch die organisierte Kriminalität und Drogenkartelle ausgelösten Gewaltwellen die jahrzehntelangen Kämpfe zwischen linken Guerillaorganisationen, rechten Paramilitärs und dem kolumbianischen Staat. Allein der Konflikt zwischen der Regierung in Bogotá und der FARC hat laut der kolumbianischen Organisation CODHES 35-42 Prozent aller Binnenflüchtlinge hervorgerufen. Nach der Unterzeichnung des historischen Friedensvertrags mit der Guerilla war die Hoffnung deshalb groß, dass in Kolumbien auch die Massenfluchtbewegungen zurück gehen würden. Doch längst ist klar, dass der Frieden nicht überall im Land Einzug gehalten hat.12

Ende Januar haben in den Departamentos Nariño, Córdoba und Antioquia innerhalb von nur vier Tagen mehr als 1000 Menschen ihre Heimat verlassen. Das Hochkommissariat für Menschenrechte der Vereinten Nationen und der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge prangerten gewaltsame Vertreibungen und Menschenrechtsverletzungen an. In einer vor einigen Tagen veröffentlichten gemeinsamen Stellungnahme heißt es, man sei besorgt über die Entwicklung. Auch Amnesty International registrierte die Fluchtbewegungen und forderte die Regierung von Präsident Juan Manuel Santos „nachdrücklich auf, den Zugang zu humanitärer Soforthilfe für die vertriebenen Personen“ und deren umfassende Betreuung durch die Opferorganisation Unidad de Victimas zu garantieren.34

In der Gemeinde Magüí Payán in Nariño flohen zahlreiche Menschen vor bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Dissidenten der FARC und Guerilleros der ELN. In San José de Uré in Córdoba wurden die Bewohner von einer kriminellen Gruppe namens Caparrapos bedroht, in der Folge verließen Hunderte die Stadt. Auch in Cáceres und Caucasia in Antioquia wurden mehr als 500 Menschen von einer bewaffneten Gruppe, die in der Region operiert, vertrieben. In Bajo Cauca, einer Teilregion von Antioquia wurden „Drohungen und Attentate gegen das Leben und die körperliche Unversehrtheit von Zivilpersonen, Verletzungen von wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechten und Angriffe auf angestammte religiöse Praktiken der Senú-Indigenen in ihrem Gebiet“ beobachtet. Des weiteren weisen UN-Vertreter auf die alarmierende Zahl der Morde an Menschenrechts- und Friedensaktivisten sowie Bürgervertretern hin, die in den ländlichen Gemeinden seit Beginn des Jahres 2018 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum vom 1. Januar bis zum 14. Februar um 255 Prozent zunahmen. Besondere Gefahr herrscht demnach in den Departamentos Antioquia, Córdoba, Cauca und Boyacá.24

Damit setzt sich ein trauriger Trend fort, der letztes Jahr seinen Anfang nahm. Nach dem FARC-Friedensvertrag ist 2017 zwar die Zahl der Binnenflüchtlinge in Kolumbien im Vergleich zu den Vorjahren insgesamt zurückgegangen. Die Massenvertreibungen allerdings haben zugenommen. Bei 61 der von der CODHES registrierten größeren Fluchtbewegungen wurden etwa 10.000 Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Die Entwicklung kann als Mikrokosmos für die Lage in ganz Kolumbien herhalten: in vielen Gebieten hat sich die Situation mit dem Friedensvertrag deutlich gebessert, weil dort eine gewisse Ruhe und Stabilität eingekehrt sind. Doch in den Hotspots des Kokaanbaus und in Gebieten, die für den Drogenschmuggel strategisch von Bedeutung sind, ist die Gewalt angestiegen; folglich kam es dort auch zu mehr Massenvertreibungen. Es handelt sich meistens um entlegene, jahrzehntelang vernachlässigte und kaum erschlossene Regionen, die früher von der FARC kontrolliert wurden.5

Durch die fruchtbaren Böden und den Umstand, dass der Staat dort keine Präsenz zeigt, entwickelten sie sich zu den Hauptproduktionszentren für Kokain in Kolumbien. Die FARC war früher der mächtigste Akteur im kolumbianischen Kokainhandel und konnte sich dadurch jahrelang finanzieren, aber nach dem Abzug der Guerilla aus den von ihr besetzten Territorien ist dort ein gefährliches Machtvakuum entstanden. Verschiedene Akteure, darunter BACRIM wie die Urabeños oder die Caparrapos und die ELN, ringen um die Kontrolle über die ehemaligen FARC-Gebiete und wollen sich die Kokaanbauflächen sowie die Drogenschmuggelrouten einverleiben.65

Etwa ein Drittel der von der CODHES im letzten Jahr erfassten Massenvertreibungen entfallen auf das Departamento Chocó, welches wegen seiner Lage zwischen Panama, Pazifik und Karibik ein historisch wichtiger Rückzugsort für Drogenschmuggler ist. Im Departamento liegt der Río Atrato, einer der wichtigsten schiffbaren Flüsse in Kolumbien. Chocó ist teilweise kaum erschlossen, der dichte Regenwald erschwert den Zugang. Das und der fruchtbare Boden, der sehr reich an Bodenschätzen ist, machen die Gegend zum idealen Gebiet für den Drogenanbau. Früher war Chocó FARC-Territorium, doch nach dem Abzug der Guerilla haben wohl mittlerweile die Urabeños den größten Teil des Departamentos unter ihrer Kontrolle.78

In Magüí Payán kämpfen die ELN und Dissidenten der FARC um die Vorherrschaft. Zuletzt kam es Ende November zu einem Massaker, bei dem 13 Zivilisten ums Leben kamen. Magüí Payán bildet zusammen mit Barbacoas und Roberto Payán das sogenannte Telembí-Dreieck, welches den Río Telembí beheimatet. Dieser mündet in den Río Patía, der Hotspots des Kokaanbaus in Nariño miteinander verbindet und dadurch, dass er in den Pazifischen Ozean mündet, gleichzeitig als wichtige Drogenschmuggelroute dient.9

Auch Antioquia ist für den Drogenschmuggel von erheblicher Bedeutung. Im Departamento liegt der Golf von Urabá, das Kerngebiet der Urabeños. Turbo, die größte Stadt am Golf, ist der zentrale Umschlagplatz für Kokain auf dem Weg nach Mittelamerika. Von dort aus wird die Droge nach Acandí auf der anderen Seite des Golfs geschifft und über die nahe Grenze nach Panama geschmuggelt.8

Im Friedensvertrag wurde zwar festgelegt, dass der Staat in diesen Gebieten Präsenz zeigen und die BACRIM zurückdrängen sollte. Doch nicht überall gelingt es ihm, das Machtvakuum zu füllen. Und wo der Staat den BACRIM nichts entgegenzusetzen hat, übernehmen diese die Kokainproduktion. Amnesty International appelliert deshalb an die dessen Verantwortung: „Ebenso betonen wir erneut, dass der kolumbianische Staat die Bevölkerung, die weiterhin Opfer des bewaffneten Konflikts ist, schützen muss. In mehreren Regionen des Landes besteht er nach wie vor fort.“64

  1. UNHCR: Population Statistics; Stand 28.02.18 []
  2. Insight Crime: Mass Displacements in Colombia Illustrate New Dynamics of Criminal Violence; Artikel vom 23.01.18 [] []
  3. Insight Crime: Mass Displacements in Colombia Illustrate New Dynamics of Criminal Violence; Artikel vom 23.01.18 []
  4. Amerika 21: Kolumbien: Seit Jahresbeginn 1.000 neue Binnenflüchtlinge; Artikel vom 23.02.18 [] [] []
  5. InSight Crime: Mass Displacements on the Rise as Colombia’s War Recedes; Artikel vom 27.12.17 [] []
  6. Drogen Macht Welt Schmerz:  Kolumbien ein Jahr nach dem Friedensvertrag: viele Probleme noch ungelöst – Kokainproduktion steigt deutlich an; Artikel vom 29.11.17 [] []
  7. InSight Crime: Mass Displacements on the Rise as Colombia’s War Recedes; Artikel vom 27.12.17 []
  8. Drogen Macht Welt Schmerz: Kolumbien: gefährliches Machtvakuum nach Frieden mit Guerillas; Artikel vom 04.10.17 [] []
  9. InSight Crime: Massacre in Magüí Payán, Post-Conflict Colombia’s Hidden Time Bomb; Artikel vom 7.12.17 []

Über David / earthlink

Ich bin David und habe dieses Jahr mein Abi gemacht. Als Bundesfreiwilliger möchte ich mich jetzt für die nächsten Monate bei earthlink engagieren und mehr über entwicklungspolitische Themen erfahren.
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