Brasilien: Beschlagnahmte Dokumente verdeutlichen Expansion des PCC

São Paulo Brasilien PCC

São Paulo - hier befinden sich die Hochburgen des PCC. | Bild: © Pedro Savério Penna [CC BY 2.0] - Flickr

Brasilianische Behörden haben zahlreiche Dokumente beschlagnahmt, die aufzeigen, dass die Einnahmen und Mitgliedszahlen sowie der Grad der internationale Einflussnahme der größten kriminellen Organisation des Landes, das Primeiro Comando da Capital (PCC), allesamt in den letzten Jahren stetig gestiegen sind. Die brasilianische Tageszeitung O Estado de S.Paulo berichtet, dass man den sichergestellten internen Unterlagen der kriminellen Gruppe unter anderem detaillierte Informationen über Einkommensströme, Geldwäscheschemas und die Anzahl der Mitglieder entnehmen könne. Laut InSight Crime verdeutlichen die Dokumente darüber hinaus die zunehmende Expansion des PCC auch über die brasilianischen Landesgrenzen hinaus.1

Gegründet vor 25 Jahren, ist das PCC heute das mächtigste kriminelle Netzwerk Brasiliens. Die Aktivitätsbereiche der Gang erstrecken sich vom Kokainhandel über Entführungen und Schutzgelderpressung bis hin zu Bankrauben. Das PCC ist schon seit langer Zeit im ganzen Land präsent, doch seine Hochburgen befinden sich weiterhin in São Paulo, dem wirtschaftlichen Zentrum Brasiliens. In den Favelas der Millionenstadt, in denen etwa 20 Prozent der Bevölkerung São Paulos ohne jegliche soziale Unterstützung des Staates um das tägliche Überleben kämpfen, werden zahlreiche neue Mitglieder rekrutiert.23

Das PCC wurde ursprünglich 1993 von acht Insassen des Tabuaté-Gefängnisses in São Paulo gebildet, um für bessere Haftbedingungen in den brasilianischen Strafanstalten zu kämpfen und den Tod von 111 Häftlingen des Carandiru-Gefängnisses zu rächen, die ein Jahr zuvor nach einem Aufstand von Sicherheitskräften umgebracht worden waren.43

Doch im Laufe der Jahre entwickelte sich die Gang immer mehr zu einem der mächtigsten Akteure der kriminellen Unterwelt Brasiliens und profitierte dabei auch von der zunehmenden Überfüllung der Gefängnisse des südamerikanischen Landes. Allein zwischen 2008 und 2014 stieg die Anzahl der Häftlinge in den brasilianischen Strafanstalten um mehr als 30 Prozent an. In manchen Gefängnissen sind bis zu 50 Insassen in einer Zelle untergebracht. Heute hat das Land mit knapp 700.000 Häftlingen gemessen an der Gesamtbevölkerung eine der höchsten Inhaftierungsraten weltweit. Das PCC konnte so eine große Zahl neuer Mitglieder anwerben.43

Aus den von den Behörden sichergestellten Dokumenten geht nun hervor, dass die Gang durch ihre illegalen Aktivitäten pro Jahr zwischen 100 und 200 Millionen US-Dollar einnimmt. Staatliche Stellen müssen somit ihre bisherigen Schätzungen nach oben korrigieren. Vor drei Jahren war noch angenommen worden, dass der jährliche Umsatz des PCC bei etwa der Hälfte der nun bekannt gewordenen Summe liegt.5

Die Unterlagen der Gang lassen zudem darauf schließen, dass die Anzahl ihrer Mitglieder in letzter Zeit sprunghaft angestiegen ist. Allein im Bundesstaat São Paulo soll das PCC mittlerweile auf mehr als 10.000 Mitglieder kommen, eine Steigerung um fast 100 Prozent im Vergleich zu vor sechs Jahren. In den anderen Teilen des Landes soll die Zahl der Mitglieder von etwa 3.000 im Jahr 2014 auf heute 20.000 gestiegen sein.5

Außerdem werfen die Dokumente ein Licht auf die Organisation und innere Struktur des PCC. Mitglieder der Gang, die nicht im Gefängnis sitzen, müssen monatlich einen Beitrag in Höhe von 250 US-Dollar zahlen. Ob Mitglieder, die hinter Gittern sitzen, ebenfalls zahlen müssen, geht aus den Unterlagen nicht hervor.5

In einem Beitrag für Americas Quarterly berichtet der Journalist Jonathan Franklin, dass auch sie einen Beitrag leisten müssen, der zwischen 30 und 200 US-Dollar schwankt. Wer diese Summe nicht begleichen kann, muss seine Schulden abbezahlen, sobald er wieder in Freiheit ist, meistens indem er ein Verbrechen begeht.3

Was darüber hinaus schon länger bekannt ist, ist dass das PCC mittlerweile die Vormachtstellung im lukrativen brasilianischen Kokainhandel übernommen hat. Das südamerikanische Land ist zum einen ein wichtiges Transitland für das Rauschgift aus den benachbarten Kolumbien, Peru und Bolivien auf dem Weg nach Europa. Zum anderen ist Brasilien selbst nach den USA der zweitgrößte Absatzmarkt für Kokain weltweit.67

Doch die Ambitionen der Gang gehen über die brasilianischen Landesgrenzen hinaus. Früher kaufte das PCC das Kokain noch anderen in- und ausländischen kriminellen Gruppen ab, um es anschließend in Brasilien an den Mann zu bringen. Heute schließt die Gang direkt mit Produzenten in Bolivien und Peru Deals ab und ist selbst zu einem Teil der Wertschöpfungskette geworden. Auch mit der Mafia in Europa, wie beispielsweise der italienischen ‘Ndrangheta, soll das PCC Berichten zufolge Geschäfte machen.34

Es scheint zudem so, als wolle die Gang vor allem in Staaten, in denen die kriminelle Unterwelt bisher nicht von großen, dominanten Kartellen beherrscht wird, ihre Präsenz ausbauen. Neben Bolivien, Uruguay, Argentinien und Chile ist dabei besonders Paraguay von der Expansion des PCC betroffen. Das Land ist wegen seiner durchlässigen Grenzen und der weit verbreiteten Korruption zu einer Operationsbasis und einem sicheren Hafen für die Gang geworden. Vor allem PCC-Mitglieder, die aus brasilianischen Gefängnissen ausgebrochen sind, fliehen wohl scharenweise ins Nachbarland.64

Der Kampf des PCC gegen rivalisierende kriminelle Organisationen um die Vormachtstellung im nationalen und internationalen Drogenhandel führt in Brasilien und anderen südamerikanischen Ländern immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen. Als die Gang 2016 einen mit der ältesten kriminellen Gruppe Brasiliens, dem Comando Vermelho, seit Jahren bestehenden Waffenstillstand brach, kam es zu Gewaltwellen, die bis heute andauern. Die Kämpfe zwischen den Mitgliedern der nunmehr verfeindeten Organisationen wurden vor allem in brasilianischen Strafanstalten ausgetragen. Allein 2017 starben so mehr als 150 Gefängnisinsassen.34

In einem Artikel für InSight Crime schreibt Angelika Albaladejo, dass die Beschlagnahmung der PCC-Dokumente den brasilianischen Behörden auf jeden Fall dabei helfen werde, sich ein aktuelles Bild von der Struktur und dem Finanzierungssystem der Gang zu machen und einige Zahlen nach oben zu korrigieren. Doch die Unterlagen würden ihnen auch weiterhin nicht erlauben, die inneren Abläufe des PCC nachzuvollziehen, um auf diese Weise effektiv gegen die Gang vorgehen zu können. Den Sicherheitskräften des südamerikanischen Landes ist es praktisch schon immer schwer gefallen, das PCC zurückzudrängen, weil sie der Expansion der Gang in den meisten Fällen schlicht nichts entgegenzusetzen haben. Und momentan sieht es nicht so aus, als würde sich das mit dem neu hinzugewonnenen Wissen grundlegend ändern.53

  1. InSight Crime: PCC Files Document Gang’s Explosive Growth in Brazil and Beyond; Artikel vom 05.06.18 []
  2. InSight Crime: First Capital Command – PCC; Stand 18.05.18 []
  3. Americas Quarterly: Can Anyone Stop Brazil’s PCC?; Stand 15.06.18 [] [] [] [] [] [] []
  4. InSight Crime: First Capital Command – PCC; Stand 18.05.18 [] [] [] [] []
  5. InSight Crime: PCC Files Document Gang’s Explosive Growth in Brazil and Beyond; Artikel vom 05.06.18 [] [] [] []
  6. Americas Quarterly: Can Anyone Stop Brazil’s PCC?; Stand 15.06.18 [] []
  7. United States Department of State: International Narcotics Control Strategy Report – Volume 1; veröffentlicht im März 2018 []

Über David / earthlink

Ich bin David und habe dieses Jahr mein Abi gemacht. Als Bundesfreiwilliger möchte ich mich jetzt für die nächsten Monate bei earthlink engagieren und mehr über entwicklungspolitische Themen erfahren.
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