Yaba (2): Drogenkrieg nach philippinischem Vorbild – Bangladeschische Sicherheitskräfte sehen sich mit Mordvorwürfen konfrontiert

Bangladesch Polizei RAB

Beamte der bangladeschischen Spezialeinheit Rapid Action Battalion (RAB). Bild: © Nahid Sultan [CC BY-SA 2.0] - Flickr

Es war etwa 21 Uhr, als Akramul Haque am Abend des 26. Mai sein Haus in Teknaf, einem bangladeschischen Landkreis im Distrikt Cox’s Bazar, verließ, um sich mit einem Mann zu treffen, der sich als Mitarbeiter eines Nachrichtendienstes ausgab. Nur wenige Stunden später wurde Haque im Viertel Noakhalipara tot aufgefunden, nachdem ihn Beamte der polizeilichen Spezialeinheit Rapid Action Battalion (RAB) bei einem „Zusammenstoß mit einem Drogenhändler“, wie die Sicherheitskräfte später verlauten ließen, erschossen hatten. Dem offiziellen Narrativ zufolge war Haque, der dem Gemeinderat von Teknaf sowie der in Bangladesch regierenden Partei Awami-Liga angehörte, ein gesuchter Drogenboss, der in seinem Landkreis mit Yaba Geschäfte machte. Er sei bewaffnet gewesen und habe auf die RAB-Beamten geschossen, die, sich selbst verteidigend, das Feuer erwidert hätten.  Die Sicherheitskräfte legten zudem Beweise vor, die ihre Angaben zu stützen schienen: Bei Haque wurden 10.000 Yaba-Tabletten, zwei Waffen und Patronen gefunden.1234

Doch einige Tage später gab die Familie des Gemeinderats eine Pressekonferenz, die in Bangladesch für einen Aufschrei sorgte.  Ayesha Begum, Haques Frau, gab an, ihr Mann sei unschuldig gewesen und habe nichts mit dem Drogenhandel zu tun gehabt. Man habe ihm eine Falle gestellt, seine Ermordung sei von langer Hand geplant worden. „Wäre er ein Yaba-Dealer gewesen, hätten wir viele Besitztümer. Dabei bereitet es uns Probleme, die Schulgebühren unserer Töchter zu bezahlen“, sagte sie der Nachrichtenagentur Agence France Presse.41

Begum veröffentlichte außerdem vier Audiodateien mit aufgezeichneten Telefongesprächen, die, wie sie sagt, die letzten Minuten des Lebens ihres Mannes einfangen. Die Echtheit der Mitschnitte ist nicht offiziell bestätigt, sie gelten aber als glaubwürdig. In Bangladesch gingen sie viral. Alle vier Telefongespräche wurden nach 23:00 aufgenommen. Weil Haque nicht nach Hause gekommen sei, nachdem er zwei Stunden zuvor gegangen war, hätten seine Töchter ihn mehrmals auf dem Handy angerufen, so Begum. In den ersten drei Mitschnitten hört man Haque, der zu dem Zeitpunkt gerade im Auto unterwegs war, kurz mit seinen Töchtern reden. Der vierte Mitschnitt, der etwa 13 Minuten lang ist, zeigt den letzten Anruf von Haques Familie, um 23:32. Das Gespräch wird entgegengenommen, doch der Gemeinderat sagt nichts. Kurz darauf hört man eine unbekannte Stimme sagen: „Haben Sie nicht etwas damit zu tun?“. Eine andere Stimme, laut Begum die ihres Mannes, antwortet: „Nein.“ Dann wird eine Waffe entsichert und ein Schuss ertönt. Man hört ein Stöhnen. Am anderen Ende der Leitung hört man Haques Familie schreien und um das Leben des Gemeinderats betteln. „Er hat doch nichts getan. Warum töten Sie ihn?, ruft Ayesha Begum immer wieder. Doch es fallen weitere Schüsse, man vernimmt Polizeisirenen.1452

„Sie haben ihn kaltblütig umgebracht“, erzählte Begum AFP. „Sie sagen, es war ein Schusswechsel. Aber seine Hände waren zusammengebunden, als er umgebracht wurde.“ Sie habe am Telefon hören können, wie jemandem gesagt wurde, er solle Haques Hände losbinden, nachdem der Gemeinderat erschossen wurde. „Auch nach dem Tod meines Mannes konnten wir hören, was sie gesagt haben“, sagte Begum in Bezug auf die RAB-Beamten. „Sie sagten: ‚Jetzt schießt auf das Fahrzeug‘. Sie taten das, um den Zwischenfall wie eine Schießerei aussehen zu lassen.“ Im Audiomitschnitt hört man danach mehrere Schüsse fallen. Laut der bangladeschischen Tageszeitung Daily Star sagt eine unbekannte Stimme: „Gebt mir Patronen (…). Wie viele habt ihr gebracht?“ Eine andere Stimme sagt. „Zehn“. Laut AFP hört man einen Mann darüber reden, wie sich am Tatort Waffen, Patronen und Yaba-Tabletten bestmöglich verteilen lassen.42

Auf der Pressekonferenz sagte Begum, dass bereits einige Wochen vor dem Tod Haques ein Mann an ihn herangetreten sei, der sich als Mitarbeiter eines Nachrichtendienstes ausgab und angab, ein Stück Land entlang einer Straße, die Teknaf mit der Stadt Cox’s Bazar verbindet, kaufen zu wollen. Am Abend des 26. Mai habe dieser Mann Haque dazu gedrängt, sich mit einem anderen Beamten in einem Hotel zu treffen. Begum zufolge sei der Name ihres Mannes auf einer Drogenhändler-Liste gelandet, weil er Monate zuvor bei einem Nachrichtendienst-Mitarbeiter in Ungnade gefallen sei.23

Akramul Haque ist nicht der Einzige, der in Bangladesch in letzter Zeit wegen vermeintlicher Verbindungen zum Drogenhandel von der Polizei erschossen wurde. Anfang Mai hatte die Premierministerin des südostasiatischen Landes, Scheich Hasina Wajed, erklärt, dass Sicherheitskräfte künftig freie Hand hätten, mit aller Macht gegen Drogenhändler vorzugehen. Kurze Zeit später startete eine Anti-Drogen-Kampagne, in deren Folge nun in ganz Bangladesch die Polizei unter Führung des RAB Jagd auf Dealer macht. Die traurige Bilanz der ersten Wochen liest sich wie folgt: etwa 17.000 Festnahmen, knapp 130 Tote.61

Offiziell will die Regierung gegen den Yaba-Handel vorgehen. Doch es mehren sich die Berichte, dass die Sicherheitskräfte dabei absolut unverhältnismäßig vorgehen. Wie wohl im Fall von Akramul Haque soll es vielerorts zu außergerichtlichen Tötungen kommen. Der Menschenrechtsaktivist Nur Khan Liton gab gegenüber AFP an: „Manche Familien sagen, dass die Verdächtigen erst festgenommen und dann bei wohl inszenierten Schießereien umgebracht wurden.“74

„Die Sicherheitskräfte haben freie Hand und sind Ankläger, Richter und Vollstrecker in einem“, twitterte der bangladeschische Blogger und Menschenrechtsaktivist Pinaki Bhattacharya. Die Polizei gibt in den meisten Fällen an, Drogenhändler hätten auf die Beamten geschossen, die das Feuer anschließend erwidert und aus Selbstverteidigung heraus gehandelt hätten. Doch dem Diplomat zufolge gibt es keine glaubhaften Beweise für Schießereien zwischen Sicherheitskräften und Dealern, zudem seien bislang keine Fälle von verletzten Polizisten bekannt.71

Der Südostasien-Experte Olof Blomqvist verglich die bangladeschische Anti-Drogen-Kampagne mit dem blutigen Drogenkrieg auf den Philippinen, wo Präsident Rodrigo Duterte zu einem erbarmungslosen Vorgehen gegen Dealer und Abhängige aufgerufen hat und bereits mehr als 20.000 Menschen ermordet wurden. Außerdem wies er darauf hin, dass unter anderem das RAB sich in der Vergangenheit bereits mehrfach außergerichtlicher Tötungen schuldig gemacht hat. „Es ist gut dokumentiert, dass Sicherheitskräfte, darunter das RAB, in den letzten Jahren für unrechtmäßige Tötungen sowie Entführungen von Oppositionellen und ‚gewöhnlichen Kriminellen‘ verantwortlich waren.“ Sollte dieselbe Taktik nun bei vermeintlichen Drogenhändlern angewandt werden, sei das alarmierend.89

Auch Meenakshi Ganguly, der Direktor der Südostasien-Division von Human Rights Watch, sagte, dass es bei den bangladeschischen Sicherheitskräften allzu oft zu außergerichtlichen Tötungen komme und danach versucht werde, die Taten zu verschleiern. Zahlreiche Menschenrechtsgruppen gaben an, dass der Tod von Akramul Haque ins Bild passe.4

  1. The Diplomat: Death Toll Rises in Bangladesh’s Anti-Drug War; Artikel vom 08.06.18 [] [] [] [] []
  2. The Daily Star: ‚Murder‘ it was; Artikel vom 01.06.18 [] [] [] []
  3. New Age: Akramul Haque, collateral damage?; Artikel vom 04.06.18 [] []
  4. France 24: Bangladesh defends drug war as murder claims surface; Artikel vom 07.06.18 [] [] [] [] [] []
  5. taz: 129 Tote bei Anti-Drogen-Kampagne; Artikel vom 05.06.18 []
  6. Luzerner Zeitung: Blutiger Drogenkrieg in Bangladesch; Artikel vom 02.06.18 []
  7. Luzerner Zeitung: Blutiger Drogenkrieg in Bangladesch; Artikel vom 02.06.18 [] []
  8. Scroll.in: In Bangladesh, the government’s ‘war on drugs’ is turning into a bloodbath; Artikel vom 04.06.18 []
  9. Berliner Morgenpost: 20.000 Tote durch Dutertes Anti-Drogen-Krieg auf Philippinen; Artikel vom 22.02.18 []

Über David / earthlink

Ich bin David und habe dieses Jahr mein Abi gemacht. Als Bundesfreiwilliger möchte ich mich jetzt für die nächsten Monate bei earthlink engagieren und mehr über entwicklungspolitische Themen erfahren.
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