Kolumbien: Massenexodus ehemaliger FARC-Guerilleros aus Demobilisierungszonen

FARC

Bild: © Institute for National Strategic Studies [Public Domain] - Wikimedia Commons

Im Rahmen einer gemeinsamen Sicherheitsoperation von Polizei und Generalstaatsanwaltschaft wurde Anfang Juli in der im Departamento Caquetá gelegenen kolumbianischen Stadt Puerto Rico der FARC-Dissident Luis Eduardo Carvajal Pérez, alias „Rambo“, festgenommen. Die kolumbianische Regierung wirft dem Guerillero vor, nach der Unterzeichnung des FARC-Friedensvertrags weiterhin in die Produktion von und den Handel mit Drogen involviert gewesen zu sein. El Tiempo zufolge soll er nun an die USA ausgeliefert werden.

„Rambo“ war vor dem Abschluss des Friedensabkommens Kommandant der FARC-Kolonne Daniel Aldana, der militärisch aktivsten Einheit der Guerilla im Süden Kolumbiens. Im Januar 2017 legten er und 300 weitere Guerilleros ihre Waffen nieder und kamen in einem von den Vereinten Nationen beaufsichtigten Übergangslager für ehemalige FARC-Kämpfer im Departamento Nariño  unter. Die Demobilisierungszone verließ „Rambo“ aber scheinbar recht schnell wieder. Zum Zeitpunkt seiner Festnahme soll er die Kokainproduktion und den Drogenhandel in der Kommune Tumaco und in Gebieten entlang der kolumbianisch-ecuadorianischen Grenze sowie Schmuggelrouten an der kolumbianischen Pazifikküste kontrolliert haben. „Rambo“ gilt zudem als enger Vertrauter von Walter Patricio Artízala Vernaza, alias „Guacho“, einem FARC-Dissidenten, dessen Olíver Sinisterra Front ebenfalls in der Region operiert.

InSight Crime schreibt, dass den kolumbianischen Behörden mit der Verhaftung „Rambos“, wegen seines Wissens über Drogenschmuggelrouten und seiner Kontakte zu transnationalen kriminellen Gruppen, ein Schlag gegen die organisierte Kriminalität im Süden des Landes gelungen sein könnte. Die Festnahme des Guerilleros zeige aber auch auf, wie groß die Gefahr sei, dass eigentlich demobilisierte FARC-Kämpfer trotz des Friedensvertrags mit der Regierung in den Untergrund zurückkehren.1

Laut Einschätzung der Vereinten Nationen haben mehr als die Hälfte der ehemaligen Guerilleros mittlerweile die insgesamt 26 Übergangslager verlassen, in denen sie untergebracht worden waren, nachdem sie ihre Waffen abgegeben und ihre Gebiete geräumt hatten – also rund 4000 ehemalige Rebellen. Der Grund für ihr Gehen ist offenbar die fehlende sozioökonomische Perspektive.

Mit dem Friedensvertrag wurde den Guerilleros die Wiedereingliederung in die Gesellschaft versprochen. Sie erhalten zwei Jahre lang vom Staat rund 180 Euro (entspricht etwa dem gesetzlichen Mindestlohn in Kolumbien). Außerdem sollten Jobs, Ausbildungsplätze sowie Weiterbildungsprogramme angeboten werden.

In manchen Lagern scheint das recht gut zu funktionieren. Dort werden Fortbildungen zum Friseur oder Schneider, von der Fischzucht bis zum organischen Ackerbau angeboten. Aber vielerorts fehlt es an Projekten und Perspektiven, die Re-Integrationsprogramme werden dort kaum umgesetzt. Das sorgt unter den Guerilleros für Frust, viele gehen. „Das ist vermutlich das größte Problem bei der Umsetzung des Friedensprozesses“, kritisiert Ariel Ávila, stellvertretender Direktor der Stiftung Paz y Reconciliación.2345

„Im Moment ist es schwer für uns (…)“, sagt Blanca Ducura Gomez, eine ehemalige FARC-Kämpferin, die jetzt im Übergangslager El Estrecho, im südlichen Departamento Cauca, lebt. „Viele Leute sind gegangen, weil die Regierung die Vereinbarungen nicht einhält.“ Wie bei zahlreichen anderen ehemaligen Guerilleros überwiegt auch bei Gomez im Hinblick auf den Friedensvertrag die Desillusion. Die Regierung setze ihr Reintegrationsversprechen nicht durch. Zu Beginn seien die meisten Menschen in El Estrecho, so Gomez, sehr optimistisch gewesen. Doch mittlerweile halten sich von den 315 ehemaligen Guerilleros, die ursprünglich dort untergebracht waren, nur noch 50 im Übergangslager auf. Die anderen haben die Demobilisierungszone verlassen, um zu ihren Familien zurückzukehren, in der Region Arbeit zu finden, oder im schlimmsten Fall, mit dem Friedensvertrag zu brechen und in den Untergrund zurückzukehren.6

Sie sind dann ein hervorragendes Rekrutierungsziel für andere kriminelle Gruppen, die um die Nachfolge der FARC ringen. Denn die Guerilla, die sich mittlerweile zu einer politischen Partei gewandelt hat, war früher der mächtigste Akteur im kolumbianischen Kokainhandel und konnte sich durch den massenhaften Kokaanbau in den von ihr besetzten Gebieten jahrzehntelang finanzieren. Nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags entstand allerdings ein Machtvakuum. Kleinere Guerillas wie die ELN oder die EPL, sogenannte BACRIM, kriminelle Gruppen, die meist aus paramilitärischen Organisationen hervorgegangen sind, und FARC-Dissidenten, die den Frieden ablehnen und ihre Waffen nicht abgegeben haben, kämpfen nun um die Vormachtstellung im Geschäft mit dem weißen Pulver.78

Auch wenn insgesamt die Gewalt in Kolumbien in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen ist, steigt die Mordrate in vielen ehemaligen FARC-Territorien wegen des Machtkampfes zwischen den kriminellen Gruppen an. Oft handelt es sich dabei um jahrzehntelang vernachlässigte Regionen, die kaum erschlossen sind. Durch die fruchtbaren Böden und den Umstand, dass der Staat dort keine Präsenz zeigt, entwickelten sie sich zu Hotspots der Kokainproduktion.  Im Friedensvertrag wurde zwar festgelegt, dass der Staat in diesen Gebieten kriminelle Gruppen zurückdrängen sollte. Doch nicht überall gelingt es ihm, das von der FARC hinterlassene Vakuum zu füllen. Die kolumbianische Zivilbevölkerung zahlt dafür den Preis.9

  1. InSight Crime: Arrest of Major FARC Dissident Casts Doubt on Colombia Peace Accords; Artikel vom 06.07.18 []
  2. ZDF: Der Exodus der FARC-Rebellen; Artikel vom 24.11.17 []
  3. Konrad Adenauer Stiftung: Ein Jahr nach dem Friedensvertrag in Kolumbien; Artikel vom 15.11.17 []
  4. Handelsblatt: Der Frieden lässt auf sich warten; Artikel vom 24.11.17 []
  5. Deutschlandfunk Kultur: Steiniger Weg zum Frieden; Artikel vom 29.05.17 []
  6. Al Jazeera: Why are former FARC rebels leaving reintegration camps; Artikel vom 30.03.18 []
  7. InSight Crime: Criminal Violence Threatens Colombia Drug Crop Substitution: Report; Artikel vom 22.02.18 []
  8. The Economist: Colombia’s two anti-coca strategies are at war with each other; Artikel vom 20.02.18 []
  9. InSight Crime: Colombia’s Peace Agreement With the FARC Survives First Year; Artikel vom 24.11.17 []

Über David / earthlink

Ich bin David und habe dieses Jahr mein Abi gemacht. Als Bundesfreiwilliger möchte ich mich jetzt für die nächsten Monate bei earthlink engagieren und mehr über entwicklungspolitische Themen erfahren.
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