Kolumbiens Kokaproduktion erreicht Rekordhoch

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Soldaten nach der Niederbrennung eines Koka-Labors in Tumaco | Bild: © AP Foto/ William Fernando Martinez [CC BY-SA 2.0] - Flickr

Am 25. Juni 2018 veröffentlichte das „Office of National Drug Control Policy“ (ONDCP) im Weißen Haus eine denkwürdige Pressemitteilung zu Kolumbiens Kokaproduktion. Die neuesten Erhebungen haben ergeben, dass diese – seit die Messungen vor 20 Jahren begonnen haben – ein neues Rekordhoch erreicht hat. Ist der Andenstaat ohnehin schon seit Jahren Weltmeister in der Produktion der widerstandsfähigen Nutzpflanze, so hat er nunmehr seine Führung auch noch ausgebaut. 2016 bewirtschafteten die Bauern 188.000 Hektar an Kokafeldern. Im Jahr darauf waren es bereits 209.000 Hektar. Das entspricht einer Steigerung von 11 Prozent. Weitere Schätzungen zeigen auf, dass zugleich auch die kolumbianische Kokainproduktion von 772 Tonnen 2016 auf 921 Tonnen 2017 anwuchs – was eine Steigerung um 19 Prozent darstellt. Das auf organisiertes Verbrechen und Drogenkriminalität spezialisierte Portal „InSight Crime“ geht sogar davon aus, dass wenn man pro Hektar sieben Kilogramm an Kokain veranschlagt, 1.316 Tonnen Kokain im Jahr 2016 produziert wurden – und dies seien noch konservative Schätzungen.1234

Für Jim Carroll, den stellvertretenden Direktor des ONDCP, jedenfalls ist diese Entwicklung nicht akzeptabel: „Präsident Trumps Botschaft an Kolumbien ist klar: Das Rekordwachstum in der Kokainproduktion muss umgekehrt werden. Kolumbien ist ein wichtiger Partner der Vereinigten Staaten mit einer entscheidenden Rolle. Wir werden weiterhin zusammen daran arbeiten, die für die Vereinigten Staaten bestimmte Kokainproduktion drastisch zu reduzieren.“ Darüber hinaus müsse das Entwicklungsland mehr tun, um den Anstieg zu bekämpfen. Laut ONDCP steht die erhöhte Kokainproduktion in Kolumbien in direktem Zusammenhang mit einem Anstieg der Toten infolge einer Überdosis in den USA. 56

Doch wie will man den neuen, alarmierenden Zahlen praktisch begegnen? Schließlich stellt die Pressemitteilung, will man der Einordnung von Adam Isacson vom Think Tank „Washington Office on Latin America“ (WOLA) folgen, ein klares Signal Washingtons an den designierten kolumbianischen Präsidenten Iván Duque dar, auf einen härteren Kurs in der Anti-Drogen-Politik einzuschwenken. So lautet eine der Forderungen der Trump-Administration, die Besprühung der Kokafelder per Flugzeug wiederaufzunehmen. Während einige Beobachter das Rekordhoch im Kokaanbau in Zusammenhang mit der Aussetzung ebendieser bringen, äußern andere wiederum erhebliche Zweifel an den Erfolgschancen einer solchen Strategie. Statistiken würden schließlich zeigen, dass es eben keine klare Wechselbeziehung zwischen einer erhöhten Ausrottungsaktivität und einer geringeren Produktion gebe. Denn: Wurden in den 2000er Jahren sowohl die manuelle als auch die Eradikation aus der Luft erhöht, so ging unerwarteterweise parallel dazu auch die Produktion in die Höhe, weil die Bauern ihren Anbau in abgelegenere, zum Teil auch von der FARC kontrollierte Gebiete, verlegten. Darüber hinaus führte der harte Kurs auch zu einem Anstieg der Gewalt zwischen Produzenten und staatlichen Sicherheitskräften.17

Seit dem Jahr 2000 haben die Amerikaner Kolumbien im Kampf gegen die Drogen mit 10 Milliarden Dollar unterstützt. Mit Trump soll die Hilfe nun um 38 Prozent gekürzt werden. Zudem droht dem südamerikanischen Land eine Dezertifizierung in der Anti-Drogen-Politik. Das brächte weitere Einschränkungen amerikanischer Kredite, Handelsbeschränkungen oder ein Veto in den von den USA dominierten internationalen Finanzinstitutionen mit sich. Der sich noch bis zum 8. August im Amt befindliche, linksgerichtete kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos hingegen verteidigt seinen „weichen“ Kurs und verweist auf die Blutigkeit der globalen Anti-Drogen-Strategie: „Wir haben das schon länger als 40 Jahre gemacht. Wir gewinnen den von der USA geführten „Krieg gegen Drogen“ nicht.“ Er bevorzuge es, auf eine nachhaltige Strategie der Subvention und Substitution zu setzen. Das heißt, dass Kokabauern, die auf andere Produkte wie Kakao oder Avocado umstellen, – wie im Friedensvertrag mit der FARC vereinbart – durch staatliche Subventionsprogramme gefördert werden. Da diese Programme jedoch chronisch unterfinanziert sind, bleiben viele der Bauern aufgrund des zu hohen Risikos bei ihrem alten Geschäftsmodell. Zu Recht mahnt Santos daher auch an, dass die USA mehr tun müssen. Denn: Steigt die globale Nachfrage nach Kokain weiterhin, ist jegliche Strategie wenig Erfolg versprechend. Das ist die Krux.8910

Interessant ist auch, dass Kolumbien im Mai eine „Globale Partnerschaft“ mit der Nato eingegangen ist. „Will die Nato etwa in den Kampf gegen den Drogenschmuggel eingreifen?“, mutmaßt n-tv. Ob eine (äußerst zweifelhafte) Rolle des Bündnisses vorgesehen ist, bleibt abzuwarten. Sicher jedoch ist, dass die Regierungen beider Länder im März vereinbart haben, innerhalb der nächsten fünf Jahre die Kokainproduktion in Kolumbien  zu halbieren. Angesichts der aktuellen Entwicklungen mutet ein solches Vorhaben geradezu tollkühn an. Jedoch weiß man: Papier ist geduldig.1112

  1. InSight Crime: Colombia coca production hits new record high, US figures say; Artikel vom 26.6.2018 [] []
  2. Office of National Drug Control Policy: ONDCP Colombia coca figures 2018; Artikel vom 25.6.2018 []
  3. Blickpunkt Lateinamerika: Kolumbien – Koka-Anbau steigt auf Rekordhoch; Artikel vom 26.6.2018 []
  4. InSight Crime: Colombia overtakes Peru as world’s top coca cultivator: UN; Artikel vom 17.7.2015 []
  5. The Hill: White House: Cultivation of plant used in cocaine production hits record high in Colombia; Artikel vom 25.6.2018 []
  6. InSight Crime: Colombia coca production hits new record high, US figures say; Artikel vom 26.6.2018 []
  7. Blickpunkt Latinamerika: Kolumbien – Koka-Anbau steigt auf Rekordhoch; Artikel vom 26.6.2018 []
  8. CBS News: Trump threatens drug war ally Colombia over cocaine surge; Artikel vom 14.9.2017 []
  9. Colombia Reports: Santos defends Colombias cocaine reduction strategy as production soars; Artikel vom 26.6.2018 []
  10. GIGA Institut für Lateinamerika Studien: Wie erfolgreich ist der „Krieg gegen Drogen“ in der Andenregion?; Artikel von 2009 []
  11. n-tv: Bürgerkrieg und Kokain – Was will die Nato plötzlich mit Kolumbien?; Artikel vom 4.6.2018 []
  12. Drug Addiction Now: Colombia and the United States announce goal to combat cocaine trade; Artikel vom 8.3.2018 []

Über daniel

Hallo, ich heiße Daniel und arbeite derzeit als Praktikant in den Projekten "Fluchtgrund" und "DrogenMachtWeltSchmerz". Ich habe Sozialwissenschaften an der Universität Augsburg und "Internationale Studien/ Friedens- und Konfliktforschung" an der Goethe-Universität in Frankfurt studiert. Gerne würde ich in der Entwicklungszusammenarbeit im Münchner Raum tätig werden.
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