Narcotourismus – ein neuer „Geschäftszweig“ südamerikanischer Drogenkartelle

Verunglückter Bus bei Papallacta

Verunglückter Bus bei Papallacta, 30 Kilometer vor Quito | Bild: © Fiscalía General del Estado Ecuador [CC BY-SA 2.0] - Flickr

„Ich habe ihr noch gesagt, dass sie nicht dorthin fahren soll, denn hier leben wir doch glücklich und es wäre nicht notwendig, diese Reise zu machen, aber sie hat nur geschwärmt, weil sie davon träumte, das Meer in Ecuador zu sehen.“

Besagte Reise sollte die letzte ihres Lebens werden und endete am Morgen des 14. August um 2:50 Uhr auf der holprigen Landstraße von Papallacta nach Pifo in Ecuador, 30 Kilometer vor Quito, mit einem Zusammenprall mit einem Jeep. Elsa Vergara, die die Warnungen ihres Freundes Rafael Hurtado ignorierte, war eines der 23 Todesopfer des Busunglücks. Wie viele der anderen Verunglückten auch, lebte sie als Hausfrau in einem beliebten Stadtviertel von Cali in Kolumbien. Auf Ecuadors schlecht ausgebauten Straßen sind tödliche Unfälle keine Seltenheit. Was die Öffentlichkeit in diesem Fall aufmerken ließ, ist der Fund, den Behörden in einem geheimen Zwischenraum unter dem Fußboden des Busses machten: 637 Kilogramm (!) Marihuana, verpackt in Paketen, wurden dort versteckt. Teleamazonas Ecuador sprach etwas verdutzt davon, dass damit ja mehr Drogen als Passagiere an Bord waren.12

Der Kokain-Boom in Kolumbien, zusammen mit der erhöhten Präsenz von Sicherheitskräften entlang der traditionellen Drogenschmuggelrouten wie der Urabá-Region im Norden des Landes und dem Departamiento Nariño im Süden, hat viele kriminellen Gruppen dazu veranlasst, neue Wege zu gehen. In den Stadtteilen El Guabal und San Judas im Südosten von Cali begann es damit, dass eines Tages ein Tourismusunternehmer auftauchte und den Leuten versprach, für jede vierte Reise, die er verkaufte, eine Reise zu verschenken. „Ich habe ihr gesagt, dass das nicht stimmen kann“, erinnert sich Hurtado. Doch Elsa ließ sich nicht abhalten, sollten bei der Reise neben der Fahrt doch auch die Hotels und das Essen mit in dem Geschenk inbegriffen sein. Um Polizeikontrollen zu umgehen, fuhr der Bus nicht auf direktem Weg über Ipiales nach Ecuador, sondern nahm den Weg über San Miguel im wilden Hinterland des Amazonasbeckens. Man hatte den Passagieren mitgeteilt, aufgrund von Wechselgeldproblemen den üblichen Grenzübergang nicht nehmen zu können. Immer wieder verzögerte sich die Ab- und Weiterfahrt. Alles in allem, so könnte man also sagen, eine für südamerikanische Verhältnisse normale Reise – bis zum Morgen des Unglücks. Anfangs glaubten die Autoritäten noch einen Routineeinsatz durchführen zu müssen, aber im Laufe der Stunden tauchten drei Ungereimtheiten auf: 1. Der Bus hatte keine Erlaubnis, das Land zu verlassen, 2. Man überquerte die Grenze über San Miguel und 3. Es war eine Gratisreise und keiner wusste, wie sie finanziert worden war. Erst nachdem von kolumbianischen Behörden ein Hinweis auf den möglichen Gebrauch des Busses als Vehikel für Drogentransporte gegeben wurde, wurden die ecuadorianischen Ermittler, die nach Informationen von „El Tiempo“ zunächst keine Drogen fanden, fündig.345

Narco-Tourismus“ – für den neuen „Geschäftszweig“ der Drogenkartelle gibt es mittlerweile sogar ein eigenes Wort. Carlos Enrique Alulema Miranda, nationaler Direktor im Kampf gegen Drogen in Ecuador, berichtet, dass es im April, Mai und August dieses Jahres bereits drei ähnliche Fälle gab: Im ersten „Narco-Bus“ befanden sich mehr als 400 Kilogramm Kokain; im zweiten mehr als 300 Kilogramm derselben Substanz und im dritten 300 Kilogramm Marihuana.

Angesichts dessen, dass die Kokainproduktion in Kolumbien ein neues Rekordhoch erreicht hat, ist auch nicht zu erwarten, dass die kriminellen Banden keine neuen Wege finden werden, ihre Produkte auch an die Leute zu bringen.6

 

  1. El Tiempo: ‚Narcotourismus‘, estrategia de la mafia que se destapó por una tradegia; Artikel vom 19..8.2018 []
  2. Teleamazonas: Policía halla media tonelada de droga en el bus accidentado en la vía Pifo-Papallacta; Artikel vom 17.8.2018 []
  3. Insight Crime: Ecuador Bus Tragedy Reveals Innovative Tactics of Colombia Trafficers; Artikel vom 20.8.2018 []
  4. Noticias Caracol: Al menos 24 muertos, varios Colombianos, deja accidente de bus en Ecuador; Artikel vom 14.8.2018 []
  5. El Tiempo: ‚Narcotourismus‘, estrategia de la mafia que se destapó por una tradegia; Artikel vom 19..8.2018 []
  6. Insight Crime: Record Cocaine Production in Colombia Fuels New Criminal Generation; Artikel vom 17.7.2018 []

Über daniel

Hallo, ich heiße Daniel und arbeite derzeit als Praktikant in den Projekten "Fluchtgrund" und "DrogenMachtWeltSchmerz". Ich habe Sozialwissenschaften an der Universität Augsburg und "Internationale Studien/ Friedens- und Konfliktforschung" an der Goethe-Universität in Frankfurt studiert. Gerne würde ich in der Entwicklungszusammenarbeit im Münchner Raum tätig werden.
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