Afghanistan: Immer mehr Frauen und Mädchen geraten in die Abhängigkeit von Heroin

Bild: © United Nations Photo [CC BY-NC-ND 2.0] - flickr

Nach der Afghanistan Opium Survey des UNODC ist die Zahl der Anbauflächen für Schlafmohn in Afghanistan 2017 deutlich gestiegen. Ihre Größe stieg im Vergleich zum Vorjahr um 63 Prozent, was ein neues Rekordhoch für den Schafmohnanbau bedeutet. Dabei wurde sowohl der bereits bestehende Bestand in den Anbauregionen ausgeweitet, während gleichzeitig neue Gebiete für die Anpflanzung von Schlafmohn erschlossen wurden. Einhergehend mit dem wachsenden Anbau von Schlafmohn ist ebenfalls die Opiumproduktion gestiegen.1 Aus den Samen des Schlafmohns kann Opium gewonnen werden, das durch chemische Prozesse zunächst zu Morphin und dann zu reinem Heroin verarbeitet werden kann  – und wird, wie in Afghanistan. Das zentralasiatische Land ist der weltweit größte Produzent von Heroin. Die Droge wird insbesondere im asiatischen Raum, in europäischen Ländern sowie Nordamerika konsumiert und hat ein hohes Suchtpotential. Gleichzeitig kommt es jedoch auch in den Anbauländern zu einem erhöhten Konsum.2

Während eine Sucht in der Vergangenheit vornehmlich die Männer der Gesellschaft betraf, geraten nun auch immer mehr Frauen in eine Abhängigkeit.3 Die Gründe dafür sind divers. Viele Frauen sehen in dem Heroinrausch eine kurzweilige Entlastung von den gravierenden Problemen und Herausforderungen ihres Alltags. Zum Teil wird die Droge auch als Selbstmedikation genutzt, da eine solche Behandlung günstiger als ein Arztbesuch ist.4 Aufgrund des extrem hohen Abhängigkeitspotentials von Heroin enden solche kurzweiligen Entlastungen überwiegend in langfristigen Suchterkrankungen. Viele der abhängigen Frauen kommen zudem aus einem bereits vorbelasteten Umfeld: Oft sind ihre Ehemänner oder enge männliche Verwandte bereits abhängig und können die Frauen mit der Droge versorgen.5 Außerdem fordert der steigende Anbau von Schlafmohn eine große Zahl von Feldarbeitskräften, die die afghanische Drogenindustrie mit genügend Samen zur Heroinproduktion versorgen. Dieser Beschäftigung kommen nun immer mehr Frauen und sogar junge Mädchen nach. Das Verfahren zur Reifeprüfung der Mohnpflanzen führt allerdings schnell in eine Abhängigkeit der Arbeitskräfte – und damit auch von Frauen und Mädchen.6

Die Chancen für einen erfolgreichen Entzug sind in Afghanistan jedoch nicht sehr hoch. Die medizinische Versorgung ist schlecht und insbesondere Einrichtungen und Programme für die Therapie von Drogenabhängigen sind selten und finanzschwach.4 Medizinischen Projekten fehlt es beispielsweise an finanziellen Mitteln für Wirkstoffe, die in der ersten Phase eines Entzugs als Supplement genutzt werden können. In Folge dessen gestaltet sich die Entwöhnung für die Abhängigen schwieriger und scheitert häufiger. Für weibliche Abhängige kommen zu diesen Hürden oft noch weitere Schwierigkeiten hinzu. Aufgrund der gesellschaftlichen Verhältnisse in Afghanistan kann es teilweise vorkommen, dass eine medizinsiche Versorgung der Frauen durch Familienmitglieder verhindert wird. Zudem gibt es ein hohes gesellschaftliches Stigma gegenüber drogenabhängigen Frauen, sodass diese eher abhängig bleiben, als der Ächtung nach einer bekanntgewordenen Drogensucht ausgesetzt zu sein.3

Gerade die frauenspezifischen Herausforderungen eines Entzuges sind tief in der Gesellschaft verankert und lassen sich kaum bekämpfen. In Form von Aufklärungs- und Bildungsangeboten kann den gesellschaftlichen Stigmata zwar begegnet werden, jedoch bieten diese Optionen keine schnelle Lösung für die medizinische Unterversorgung der weiblichen Erkrankten. Das Fehlen von finanziellen Mitteln und adäquaten Einrichtungen und Projekten für einen Entzug bietet jedoch Potential zur Verbesserung. In Afghanistan gibt es bereits einige Institutionen von internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen oder der humanitären Hilfsorganisation Medecins du Monde.3 Für eine Verbesserung der Situation für Suchtkranke in Afghanistan, insbesondere für Frauen, braucht es in erster Linie weitreichenderere finanzielle Förderung. Diese können internationale und nationale Organisationen bei der Errichtung von einem soliden, medizinischen Versorgungsnetz unterstützen und die Situation der Frauen auf lange Sicht verbessern.

  1. UNDOC: Afghan Opium Survey 2017; aufgerufen am: 08.08.2018 []
  2. UNDOC: World Drug Report 2017; aufgerufen am: 08.08.2018 []
  3. Reuters: Insight: Lifting the veil on Afghanistan’s female addicts; Artikel vom 01.04.2012 [] [] []
  4. BBC: Afghanistan, the drug addiction capital; Artikel vom 11.04.2013 [] []
  5. Washington Post: Opium use booms in Afghanistan, creating a ‘silent tsunami’ of addicted women; Artikel vom: 19.06.2017 []
  6. Deutsche Welle: Schwieriger Kampf gegen den Drogenanbau in Afghanistan; Artikel vom: 26.06.2006 []

Über Lucy / earthlink

Ich studiere und lebe in Berlin. Im Rahmen meines Bachelors Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin mache ich derzeit bei earthlink ein Praktikum und arbeite bei den Projekten "Fluchtgrund" und "DrogenMachtWeltSchmerz" mit.
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