Die Drogenindustrie im Nördlichen Dreieck schraubt Gewaltspirale nach oben

Bild: © Gonzalo Alonso [CC BY-NC-ND 2.0] - flickr

Insbesondere nach der Zerschlagung kolumbianischer Kartelle nehmen ihre mexikanischen Pendants vermehrt die hinterlassene Lücke in der internationalen Drogenökonomie ein.1 Die Probleme, die in Mexiko durch die wachsende Drogenindustrie aufgeworfen werden, sind Teil der internationalen Medienberichterstattung. Gravierende Konsequenzen gibt es jedoch zunehmend auch in einer weiteren Region: dem Nördlichen Dreieck, bestehend aus El Salvador, Guatemala und Honduras. Dort nimmt die Zahl der Gewalttaten dramatisch zu. Im Jahr 2014 sind El Salvador und Honduras die Länder mit den meisten Tötungsdelikten weltweit und auch Guatemala befindet sich in der Spitzengruppe. 2015 verhält es sich ähnlich, in El Salvador werden 109 von 100.000 Menschen Opfer einen Tötungsdeliktes. Zum Vergleich: In Mexiko sind es lediglich 16 Menschen, in Deutschland ein Einziger.2 Die Intensität der Gewalt schraubt sich immer weiter nach oben. In welchem Ausmaß die Gewaltentaten auf die steigende Drogenindustrie zurückzuführen sind, ist nur äußerst schwierig festzustellen. Dass es jedoch diesen Zusammenhang gibt, ist unumstritten und somit rückt die dringende Lösung für die Drogenkriminalität in den Vordergrund.3  

Die Länder des Nördlichen Dreiecks weisen äußerst günstige Bedingungen für die Entstehung krimineller Netzwerke auf, was die florierende Drogenindustrie erklärt. Ende des 20. Jahrhunderts waren El Salvador und Guatemala Schauplätze langanhaltender Bürgerkriege und interner Auseinandersetzungen. Obwohl Honduras selbst nicht mit solchen Konflikten zu kämpfen hatte, konnte sich das Land dem Einfluss der beiden Nachbarstaaten nicht entziehen.4 Nach Ende der Auseinandersetzung galt das Hauptaugenmerk dem Aufbau eines funktionierenden Staates und Sicherheitsapperats.5 Dieses Unterfangen scheiterte und bis heute sind El Salvador, Guatemala und Honduras von Schwächen der Staatlichkeit und Justiz gezeichnet.6  Die strukturelle Schwäche und Unterfinanzierung vieler Institutionen in Verbindung mit der weit verbreiteten Korruption nehmen der Justiz jeglichen Handlungsspielraum und so bleiben über 90 Prozent der Verbrechen unbestraft.7 Für die Drogenindustrie bieten diese politischen Bedingungen eine nahezu perfekte Existenzgrundlage und so verlagert sich das Handeln mexikanischer Kartelle zunehmend in die Länder des Nördlichen Dreiecks. Gleichzeitig steigen auch viele der einheimischen kriminellen Netzwerke in das Drogengeschäft ein, meistens als Mittelsorganisation. Gerade dafür eignet sich die geographische Lage der Staaten äußerst gut. Die drei Länder liegen wie ein Puffer zwischen den Anbauregionen in den Andenstaaten und den Konsumentenstaaten Nordamerikas.89 Die verschiedensten Schmuggelrouten führen durch die drei Länder, Schätzungen zufolge wird der größte Teil des nordamerikanischen Kokains durch die zentralamerikanischen Staaten geschleust.5

Damit ist das Nördliche Dreieck zu einer der wichtigsten Regionen für den internationalen Drogenhandel geworden. Ein großer Teil der örtlichen Gewalt lässt sich auf diese Rolle in der Drogenökonomie zurückführen. Mexikanische Kartelle und das lokale Organisierte Verbrechen führen untereinander und miteinander gewaltsam ausgetragene Konflikte, um die äußerst lukrativen Territorien zu sichern. Gleichzeitig kommt es zu einem typischen Transitstaatenphänomen: Der Transitraum verkommt zunehmend zum Konsumentenraum. Das kurbelt die Produktion in der Anbauregion weiter an, lässt den Wert des Marktes in den Transitländern steigen und verschärft gewaltsame Auseinandersetzungen und Kriminalität. Durch die großen Profite können sich die Kartelle und das Organisierte Verbrechen zudem mit neuester Waffentechnik ausstatten. Das vergrößert das Gewaltpotential ihrer Auseinandersetzung dramatisch und schafft ein extremes Kräfteungleichgewicht gegenüber staatlichen Instanzen.10

Diese sind zunehmend machtlos. Bisher wurde der Kampf gegen die Drogenökonomie mit harter Hand geführt. Der US-amerikanische war on drugs fand Einzug in die Länder und auch die lokalen Regierungen bedienten sich äußerst harschen Maßnahmen, die allgemein als mano dura bezeichnet werden. Beide Ansätze konnten jedoch nicht zu einer Verbesserung der Lage führen, teilweise kam es indirekt sogar zu einer Verschlechterung.84 Vermehrt wird nun die Forderung nach neuen Strategien laut, allen voran von in Guatemala. Bisher kam es dabei noch nicht zu durchschlagenden Ergebnissen. Während Guatemalas Forderung nach einer Entkriminalisierung oder sogar Legalisierung gewisser Drogen bisher noch keinen durchschlagenden Anklang finden konnte,9 wird die Notwendigkeit neuer Strategien allgemein akzeptiert. Diese sollten sich auf den Aufbau funktionierender, demokratischer Instanzen konzentrieren und auch Ursachen wie schlechte Bildung und Marginalisierung der Mitglieder krimineller Netzwerke beachten.115 Und ein schnelles Handeln drängt: Während die Zahlen der Tötungsdelikte in den letzten Jahren in Guatemala und Honduras langsam sank, sind sie in El Salvador mittlerweile dreimal so hoch wie im Jahr 2013.

  1. ZEIT Online: Guatemala im Würgegriff der Kartelle; Artikel vom 14.07.2011 []
  2. Weltbank: Intentional homicides (per 100,000 people); aufgerufen am 27.08.2018 []
  3.  TNI: The Northern Triangle’s drugs-violence nexus; Artikel vom 30. November 2012 []
  4. CRF: Central America’s Violent Northern Triangle; Artikel vom 26.06.2018 [] []
  5. SWP: Zentralamerika zwischen den Fronten; aufgerufen am 27.08.2018 [] [] []
  6. Wilson Center: Organized Crime in Central America: The Northern Triangle; Artikel vom 14.09.2011 []
  7. CRF: Central America’s Violent Northern Triangle; Artikel vom 26.06.2018 []
  8. TNI: Drugs and violence in the Northern Triangle; Artikel vom 08.07.2014 [] []
  9. Süddeutsche Zeitung: Im blutigen Viereck; Artikel vom 04.06.2013 [] []
  10. SWP: Zentralamerika zwischen den Fronten; aufgerufen am 27.08.2018 []
  11. ICG: Corridor of Violence: The Guatemala-Honduras Border; Artikel vom 04.06.2014 []

Über Lucy / earthlink

Ich studiere und lebe in Berlin. Im Rahmen meines Bachelors Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin mache ich derzeit bei earthlink ein Praktikum und arbeite bei den Projekten "Fluchtgrund" und "DrogenMachtWeltSchmerz" mit.
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