San Pedro – das gefährlichste Gefängnis von Bolivien

San Pedro in La Paz

San Pedro in La Paz Bild: © Danielle Pereira [CC BY-SA 2.0] - Flickr

Mit dem Namen Petrus verbinden wir eine Figur, die die Weltgeschichte entscheidend zu prägen scheint, gründet sich doch der Anspruch der katholischen Kirche auf die Nachfolge des römischen Papsttums und letztlich Jesu eben auf jenen Apostel Petrus, welcher der erste Bischof von Rom gewesen sein soll. Dabei ist es höchst umstritten, ob der Jesus-Jünger je in Rom gewesen ist. Betrachtet man den Lebenslauf des Petrus, eigentlich den eines Fischers namens Simon, so lag dessen Hauptwirkungsstätte in Kapernaum am See Genezareth. Simon wurde „Petros“, im Griechischen „Fels“, auf Aramäisch „Kepa“, genannt und sollte den Fels darstellen, auf den Rom gemäß dem berühmten Jesuswort („Du bist Petrus [griech. petros] und auf diesen Felsen [griech. petra] werde ich meine Kirche [ekklesia] bauen“, Mk 8, 29 ff.) seine Kirche baut.12

Bezeichnenderweise steht der Name Petrus auch für einen der gefährlichsten Orte der Welt: Im Gefängnis San Pedro in La Paz in Bolivien herrschen Zustände, die mit den Verhältnissen in einer deutschen Strafanstalt nicht vergleichbar sind. Im Jahr 2000 begann für den damals 24-jährigen australischen Anwalt Rusty Young ein kurioses Abenteuer. Nachdem er an einer vom Lonely Planet empfohlenen Gefängnistour durch San Pedro, das als eine der größten Attraktionen von La Paz beschrieben wurde, teilnahm, freundete er sich mit dem Tourleiter, dem britischen Häftling Thomas McFadden, an und entschied sich dazu, freiwillig vier Monate im Knast zu bleiben, um die dortigen teils absurden Geschichten in einem Buch niederzuschreiben (Buch: Rusty Young, Marschpulver). McFadden saß von 1996 bis 2000 in San Pedro ein, nachdem er am Flughafen der Hauptstadt mit fünf Kilogramm reinem Kokain festgenommen worden war. Die berüchtigte Haftanstalt könnte man eher als Gefängnisstadt bezeichnen, handelt es sich dabei doch um eine Art Dorf mit eigenem Friseur, Restaurants, Apotheke, einem Arzt, Obstständen, Tante-Emma-Läden und Copyshops; auch Katzen und Hunde streunen durch das Territorium. Da die Regierung keine Kosten für den laufenden Betrieb des Gefängnisses übernimmt, müssen die Häftlinge alles selbst bezahlen – von der Kleidung über das Essen bis zum Strom. Neuankömmlinge müssen ihre Zellen erst kaufen; eine Zelle in einem der besseren Trakte kostet zwischen 2000 und 5000 Dollar. Young berichtet: „Es herrscht quasi ein freier Wohnungsmarkt wie draußen auch. Reichere Gefangene besitzen mehrere Zellen und vermieten diese. Der Standard der Unterkünfte variiert stark – vom zweistöckigen Luxusapartment bis zur Zelle, in der fünf Insassen praktisch aufeinander schlafen. Diese nennt man ‚Särge‘.“ Einer der Häftlinge, Dante Escobar, der wegen Raubes in großem Stil saß, hatte sogar einen Jacuzzi und eine voll ausgestattete Bibliothek in seiner Zelle. Manche Insassen wiederum hatten während der Besuchszeiten weiblichen Besuch, für den sie bezahlten.

In einer der berührendsten Geschichten aus San Pedro erzählt Young von einem Häftling, der über Monate hinweg Besuch von einer Freundin bekommt. Die beiden verliebten sich ineinander und heirateten in San Pedro. Nach der Trauung zog die Frau zu ihm in den Knast und gebar ihm zwei Kinder. Ein weiteres Kuriosum an dem bolivianischen Massenknast ist, dass sich die Gefangenen selbst verwalten. „Wir müssen keine Gefängniskleidung tragen“, erzählt ein Insasse stolz. „Und wir verwahren den Schlüssel zu unseren Zellen selbst. Es gibt keine Sperrstunde, und die Wärter kommen nur einmal täglich zum Anwesenheitsappell.“ Da sie sich in der Regel alleine nicht versorgen können, leben die Frauen und Kinder der Gefangenen zusammen mit ihnen in San Pedro. Padre Felipe Clemente, ein italienischer Priester, richtete mit dem Geld der deutschen und italienischen katholischen Kirche einen Kindergarten im Gefängnis ein. So hatten die Kinder vor ihrer Einschulung etwas zu tun. Da innerhalb des Gefängnisses eigene Regeln herrschen, hält sich das Wachpersonal meist außerhalb der Mauern auf. Die Regierung verkauft das als fortschrittliches, integratives System. „Im Gegensatz zu anderen Ländern, in denen es Teil der Strafe ist, soziale Kontakte zu kappen, wollen wir diese Familien nicht trennen. So haben die Gefangenen bessere Chancen, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern“, sagt ein Regierungsbeamter. Doch der wahre Grund dürfte wohl eher die Armut und die Korruption im Land sein. Kaum zu glauben für einen westlichen Verstand ist der Umstand, dass San Pedro geradezu berühmt für seine Kokain-Produktion ist. Die meisten Gefangenen sitzen wegen Kokaindelikten. Da viele ihr ganzes Leben mit der Droge Geschäfte gemacht haben, fahren sie im Gefängnis damit fort. In kleinen Labors verarbeiten sie die Kokablätter, die Familienmitglieder und Besucher an den korrupten Wachen vorbeischmuggeln, zu dem weißen Pulver. Aus San Pedro stammt angeblich das reinste Kokain des Landes. „Es gab sogar eine Katze, die süchtig nach Crack war. Wir nannten sie ,Crack Cat‘. Sie setzte sich jeweils auf den Bauch ihres Besitzers, wenn er eine Crack-Pfeife anzündete. Dann inhalierte sie den Rauch und fing an zu schnurren“, erinnert sich Young. Hinter den Mauern der Stätte mit dem katholischen Namenspatron im Zentrum von La Paz scheint es nichts zu geben, was es nicht gibt.3456

  1. Spiegel Online, Rudolf Augstein: Der Fels, der nicht in Rom war; Artikel vom 24.4.2000 []
  2. Wikipedia: Simon Petrus; Stand: 3.8.2018 []
  3. 20 minuten: „Sogar die Katze war Crack-abhängig“; Artikel vom 25.9.2015 []
  4. Bild: Höllen-Knast in Bolivien. Selbst die Katze ist Crack-abhängig; Artikel vom 26.9.2015 []
  5. Spiegel Online: Gefängnis-Bericht aus Bolivien. Im Knast – freiwillig; Artikel vom 7.9.2015 []
  6. Focus Online: Menschen und Storys. San Pedro Gefängnis. Kokain-Partys, Luxuszellen, Lynchjustiz: Einblicke in bizarrsten Knast der Welt; Artikel vom 29.1.2016 []

Über daniel

Hallo, ich heiße Daniel und arbeite derzeit als Praktikant in den Projekten "Fluchtgrund" und "DrogenMachtWeltSchmerz". Ich habe Sozialwissenschaften an der Universität Augsburg und "Internationale Studien/ Friedens- und Konfliktforschung" an der Goethe-Universität in Frankfurt studiert. Gerne würde ich in der Entwicklungszusammenarbeit im Münchner Raum tätig werden.
Dieser Beitrag wurde unter Internationales abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.