Afghanistan: Das durch Terror und Drogenhandel geprägte Land ist auf dem Weg ein Narcostate zu werden

Durch Opiumproduktion erwirtschaften die Taliban 60 Prozent ihrer Einnahmen | Bild: © illuminating9_11 [CC BY-ND 2.0] - flickr

Die Diskussion, ob Afghanistan ein sicheres Herkunftsland sei und es legitim ist Flüchtlinge dorthin abzuschieben, gehört du den am stärksten geführten Auseinandersetzungen in der deutschen Asylpolitik. Seit mehreren Jahren sind deutsche, amerikanische und andere westliche Akteure am Hindukusch militärisch präsent, um politische Stabilität herzustellen und die afghanische Regierung in ihrem Kampf gegen die Taliban zu unterstützen. Jetzt wo der Einsatz langsam eingestellt wird, könnte man meinen, dass sich für die Afghanen alles zum Guten gewendet hat. Sollten die zurückkehrenden Flüchtlinge keinen demokratisch legitimierten Rechtsstaat, eine ausgebaute Infrastruktur und ein besiegtes Terrornetzwerk vorfinden? Die aktuellen Ereignisse sprechen für das Gegenteil. Anschläge und Gebietsgewinne der Taliban sind auf einem Allzeithoch, die Regierung ist von Korruption unterwandert und die Terroristen finden laufend Nachwuchs aus der perspektivlosen Bevölkerung. Der Hauptgrund für die verschlechterte Lage ist klein, rosa und bedeckt große Gebiete Afghanistans – es ist die Schlafmohnpflanze, welche zum destabilisierenden Politikum geworden ist.1

Genauer gesagt ist es nicht die Pflanze an sich, sondern das Produkt, welches aus ihrem Saft hergestellt wird – Opium. Die Droge und das daraus gewonnene Heroin sind weltweit gefragt und bieten gewaltige Profitmöglichkeiten, wenn man ihren Anbau oder Verkauf kontrolliert. Beides ist im Falle der Taliban gegeben – und dass nicht zu knapp. Denn 90 Prozent des weltweiten Heroinbedarfs wird von ihr und ihren Verbündeten bereitgestellt. Allein 2017 betrug die Ernte 9000 Tonnen, aus deren Verkauf die Terrororganisation mehr als die Hälfte ihrer finanziellen Mittel generieren konnte. In den letzten Jahrzenten investierte sie zusätzlich in den weiterverarbeiteten Sektor und errichtete im Land ca. 500 Drogenlabore. Da die Hände des Drogennetzwerkes und seiner Unterstützer mittlerweile bis in hohe politische Kreise reichen und dies die Regierung erfolgreich daran hindert, gegen das Problem vorzugehen, driftet das Land immer weiter in Richtung eines Narcostates ab. Dass die ausländischen Kräfte ihre Präsenz vor Ort verringern, wirkt zusätzlich destabilisierend – denn weniger Kontrolle stärkt das von den Taliban kontrollierte Drogennetzwerk und beschleunigt die Unterwanderung des Staates noch weiter. So hat sie heute gewaltige Perspektiven, um doch noch eines Tages ihre Ziele durchzusetzen und das Land zu beherrschen. Afghanistans aktueller Präsident Ghani sagte einst: „Heroin ist der Treibstoff, der diesen Krieg vorantreibt“. Aus heutiger Sicht muss leider festgestellt werden, dass die Taliban durch diesen Treibstoff den Krieg wahrscheinlich auch gewinnen werden.234

Für den Präsidenten ist die Zerschlagung der Drogenproduktion gleichzusetzen mit Friedensschaffung. Das ist zwar übertrieben – trotzdem wäre es ein wichtiger Schritt um den Taliban ihre finanzielle Grundlage zu entziehen. Doch leider ist auch der gesamte afghanische Staat mittlerweile von den Profiten aus dem Opiumabbau abhängig und würde sich durch eine Vernichtung dessen weiter selbstzersetzen – denn das Bruttoinlandsprodukt, welches durch den Anbau erwirtschaftet wird, beträgt ein Drittel. Es ist also kein Wunder, dass internationale Forderungen, den Handel zu unterbinden, einfach ignoriert werden und eine Grenzkontrolle zu Transitstaaten wie Pakistan nicht vorhanden ist. Natürlich sind längst auch Sicherheitskräfte und Polizei unterwandert worden. Außerdem landen die meisten der staatlichen  Profite nur bei den höheren Instanzen und erreichen die niedrigeren Schichten kaum. Das treibt zum einen immer mehr perspektivlose Menschen in die Hände der gut zahlenden Taliban – zum anderen greifen viele Drogenbauern und Arbeitslose selbst zu den Suchtmitteln, welche ihnen kurzes Glück und Zerstreuung versprechen. Das führt jährlich zu hunderten Drogentoten im Land. Bezogen auf die internationalen Auswirkungen gehen die Todesfälle durch den Missbrauch afghanischer Substanzen jedoch in die Tausende – sind doch bereits 15 Millionen Menschen von Drogen aus der Region abhängig.54

Mit dieser Entwicklung vor Augen scheint die Absicht der internationalen Besatzungsmächte, sich aus Afghanistan zurückzuziehen, töricht zu sein. Den amerikanischen Geheimdiensten und Strategen war das Problem natürlich hinlänglich bekannt. Das beweist ein lange ausgetüftelter und detaillierter Plan (Operation Reciprocity) zur Bekämpfung der Drogenproduktion in Afghanistan. Die Entwickler sind von seiner Wirksamkeit überzeugt – jedoch wurde der Plan noch nicht durchgesetzt und liegt seit Jahren verschlossen. Die Hoffnung auf den neuen Präsidenten Trump ist unter den Verfechtern groß, könnte er doch endlich verwirklicht werden – dennoch ist Vorsicht geboten. Denn auch im jetzigen Kampf gegen die Drogennetzwerke werden bereits sehr fragwürdige Methoden angewendet. So wird die afghanische Regierung bei ihrem vordergründigen  Kampf gegen den Drogenhandel von den USA durch Luftschläge unterstützt. Diese sind auf Labore und Felder gerichtet und treffen meist Zivilisten. Wirksam sind sie jedoch nicht, denn 2017 konnte grade mal 2 Prozent der Anbaufläche zerstört werden – dem Profit  der Taliban, welcher jährlich zwischen 200-400 Millionen Dollar liegt, konnte kaum geschadet werden. Alles in allem haben internationale Interventionen in der Vergangenheit dem Land immer mehr geschadet, als eine Verbesserung der Lage gebracht. Eine Änderung kann auch nur stattfinden, wenn sie von afghanischer Seite auch wirklich gewollt ist – und das ist sie nicht.264

Mittlerweile ist es schwer, die Taliban von einem klassischen Drogenkartell zu unterscheiden. Ihre erfolgreichen Offensiven im letzten Jahr waren gezielt auf die größten Opiumregionen des Landes gerichtet. Durch den Vormarsch der Terrororganisation, die Korruption und die Rolle des Opiums für die afghanische Wirtschaft wird das Drogenproblem im In- und Ausland in Zukunft eher noch zunehmen. Doch ein Blick in die Vergangenheit des Landes beweist, dass es auch anders geht – denn früher war die Landwirtschaft in Afghanistan viel vielfältiger und nicht allein vom Schlafmohnanbau geprägt. Ein erster Ansatz, um Veränderungen herbeizuführen, liegt beim Nachbarland Pakistan, welches aus dem Handel mit der Taliban profitiert. Es muss endlich von der Unterstützung ablassen und sein strategisches Interesse in der Region für die internationale Sicherheit hintenanstellen.31

  1. luzernerzeitung: AFGHANISTAN: «Ohne Drogen wäre dieser Krieg vorbei»; Artikel vom 10.03.2018 [] []
  2. politico: The secret story of how America lost the drug war with the Taliban; Artikel vom 07.08.2018 [] []
  3. theguardian: How the heroin trade explains the US-UK failure in Afghanistan; Artikel vom 09.01.2018 [] []
  4. web.de: Afghanistan und die Macht der Taliban: Drogenküchen zerstören allein reicht nicht; Artikel vom 21.03.2018 [] [] []
  5. moderndiplomacy: Afghanistan and the issue of Transnational Conspiracy; Artikel vom 10.08.2018 []
  6. ntv: USA bombardieren Drogenlabore der Taliban; Artikel vom 20.11.2017 []

Über Lukas / earthlink

Ich bin Student und bin grade dabei meinen Bachelor in Politikwissenschaft und Soziologie abzuschließen. Während meines Studiums habe ich ein Semester im Ausland verbracht. Währenddessen habe ich mich aktiv mit Peace and Conflict studies beschäftigt. Um mich in diesem Kontext noch weiter zu informieren und selbst aktiv zu werden, habe ich mich für ein Praktikum bei earthlink entschieden.
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