Bolivien: Kartelle beuten verarmte Menschen als Drogenkuriere aus

Kokain wird von Bolivien nach Chile geschmuggelt | Bild: © Marco Verch [CC BY 2.0] - flickr

Als Elena letztes Jahr zu einer Reise aufbrach, war sie 20 Jahre alt und hatte zwei Kinder in jungem Alter. Vor der Reise hatte sie ihre Kinder bei ihrem Bruder hinterlassen. Er ist 17 Jahre alt und muss sich neben seinen Kindern auch um seinen siebenjährigen Bruder kümmern. Der Bruder ist der Grund, warum sich sich entschieden hatte, als Drogenkurier zu arbeiten. Sie brauchte Geld, um ein Ventil für ihren Bruder zu kaufen, denn er leidet an Unternährung und kann sich wegen einer angeborenen Gehirnfehlbildung nicht normal ernähren. Eines Tages wird Elena von bolivianischen Polizisten verhaftet und ins Iquique-Regionalkrankenhaus gebracht. Dort muss sie zwei Nächte verbringen, um Kapseln mit Drogen aus ihrem Körper auszuscheiden. Obwohl sie das Recht hat, ihre Anghörigen zu informieren, entscheidet sie sich dagegen. Wie viele Bolivianer, die wegen Drogenschmuggels verhaftet werden, möchte Elena nicht, dass ihre Familie eine Kaution für sie zahlen muss. In der Zwischenzeit erfährt Elena, dass ihr Bruder mittlerweile verstorben ist.

Elena gehört zu vielen Frauen, die aufgrund von Armut und Verschuldung als sogenannte „Tragonas“ (Schlucker) oder Drogenkuriere arbeiten. Oft sind diese Frauen die Alleinverdiener der Familie und werden von Drogenbanden angeworben. Viele Familien sind dermaßen verzweifelt, dass sie derartige Angebote dankend annehmen. Die Aussicht auf schnelles Geld ist für sie zu attraktiv. Dessen sind sich die Drogenbanden bewusst. Elena lebt als Alleinerziehende in Cochabamba und arbeitet als Putzfrau für einen sehr geringen Lohn. 1000 US-Dollar kann sie durch eine Lieferung verdienen – in einem Land wie Bolivien sehr viel Geld.

Auch Celia Casorla gehört zu den Tragonas. Nachdem ihr Mann Celia verlassen hatte, verlor sie das Sorgerecht für ihre Kinder und ihre Arbeit. Dann verfiel sie in ein Alkoholproblem und konnte bald ihre Schulden nicht mehr bezahlen. Schließlich entschied sie sich, bei Drogenhändlern zu arbeiten, um Geld zu verdienen. Auch sie muss Kapseln mit Kokain schlucken, um sie über die bolivianische Grenze zu schmuggeln.

Im südamerikanischen Land ist ein Kilogramm reines Kokain 2200 US-Dollar wert. Die „Tragonas“ oder andere Kuriere verdienen bis zu 1500 US-Dollar für den Schmuggel von Bolivien nach Santiago de Chile. Oftmals wird der Drogenschmuggel über die Grenze mit dem Bus abgewickelt. Manchmal befinden sich neben den Frauen auch Mitglieder der Drogenkartelle an Bord, um den Schmuggel zu überwachen. Sobald die Kuriere ihren Zielort erreichen, werden sie von Drogenhändlern abgeholt und in ein Versteck gebracht.

Francisca Fernández, die als Anthropologin und Expertin im Büro des Verteidigungsministeriums (Defensoría Penal Pública – DPP) arbeitet, hat oft Frauen – meist aus Bolivien – in Gefängnissen besucht und befragt. Sie vermutet, dass die Drogenbanden arme Leute und insbesondere Frauen ausnutzen, um Polizisten abzulenken und größere Mengen Rauschmittel von einem Ort zum anderen schmuggeln können.

Gabriel Carrión, der im Regionalbüro des Verteidigers der Region Tarapacá an der Grenze zu Bolivien arbeitet, kritisiert die Kriminalpolitik in Chile. Gemäß Carrión ziele diese zu sehr auf die Drogenkuriere ab und viel zu wenig auf die Hintermänner, nämlich die eigentlichen Auftraggeber. Auch die Staatsanwaltschaft befrage die Drogenschmuggler nicht nach den Drahtziehern. Hierfür würde eine internationale Analyse benötigt. Obwohl die chilenischen und bolivianischen Behörden angeben, zusammen zu arbeiten und Informationen zu tauschen, widerspricht der Forschungsleiter, da es keine gemeinsamen Ermittlungen beider Länder gibt.1

Die politischen Beziehungen zwischen Chile und Bolivien sind bis heute belastet. Im 19. Jahrhundert verlor Bolivien beim sogenannten Salpeterkrieg (1879-1883) seinen Zugang zum Meer an Chile. Die beiden Länder pflegen seit 40 Jahren keine diplomatische Zusammenarbeit mehr und seit 1978 gibt es keine Botschafter im jeweiligen Land. Letztes Jahr wies der internationale Gerichtshof (IGH) eine Klage Boliviens über den Zugang zum Meer ab. Weiter ungelöst ist auch der Streit um Wasserrechte an der Silala-Quelle, die durch die Grenze der beider Länder verläuft.2

Ein weiteres Problem ist die gegenüber Bolivianern vorurteilsbehaftete Polizeiarbeit in Chile. María Avendaño wurde 2007 verhaftet, als sie mit ihrem erwachsenen Sohn in einem Bus in der Nähe der Grenze unterwegs war. Als die Polizei den Bus kontrolliert, findet sie dort einen Koffer voll Kokain. Weil María Bolivianerin ist, glaubt der Busfahrer, es wäre ihr Koffer und lenkt den Verdacht auf sie. Obwohl sie bis heute alle Vorwürfe bestreitet, wird sie des Drogenschmuggels beschuldigt. Das Büro von des Verteidigungsministeriums berichtet in einem Dokument mit dem Titel „The Innocence Project“ (Proyecto Inocentes) über Menschen, die aus Irrtum eingesperrt sind und kritisiert die Verhaftung der Polizisten wegen fehlender Beweise wie Fingerabdrücke oder einer DNA-Probe. Marias Sohn, ein Arzt, wurde freigelassen, darf Chile aber nicht verlassen. Bis seine Mutter in zweieinhalb Jahre freigesprochen wird, arbeitet er dort in einer Apotheke.1

In Bolivien gibt es Fortschritte bei der Reduzierung von Armut: Die Anzahl der Armen ging zwischen 2000 und 2016 von 66 auf 39 Prozent zurück. Dennoch haben sich die Lebensverhältnisse für einen großen Teil der Bevölkerung kaum gebessert. Besonders problematisch sind die große Diskrepanz zwischen Arm und Reich sowie zwischen Stadt- und Landbevölkerung.3

Chile ist Transitstaat für Kokain, das für Europa bestimmt ist. Zudem ist das Land Zulieferer wichtiger Vorprodukte für die Kokainherstellung, unter anderem nach Bolivien. Die Folgen des Drogenschmuggels für den Staat am Pazifik sind weitreichend: So greifen aufgrund besserer Verfügbarkeit immer mehr Chilenen selbst zum weißen Pulver. Zudem werden staatliche Behörden und Polizei immer mehr durch die illegalen Machenschaften mit den Drogen korrumpiert.4

  1. InSight Crime: The Expendables: The Weakest Links in the Drug Trafficking Chain; Artikel vom 4.01.2019 [] []
  2. Auswärtiges Amt: Bolivien: Außenpolitik; Stand vom 20.02.2019 []
  3. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Bolivien; Stand vom 20.02.2019 []
  4. Central Intelligence Agency: The World Factbook: Chile; Stand vom 20.02.2019 []

Über Dominik / earthlink

Ich habe dieses Jahr an der Samuel-Heinicke-Fachoberschule den Abschluss gemacht. Jetzt absolviere ich den Bundesfreiwilligdienst bei earthlink e. V.. Ich möchte selbst aktiv bei sozialpolitischen Themen mitwirken und freue mich neue Erfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit zu sammeln.
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