Wie Bulgarien al-Qaida und Dash mit der „Dschihadisten-Droge“ Captagon belieferte

127 beschlagnahmte Captagon-Säcke von ISIL - 31. Mai 2018

127 beschlagnahmte Captagon-Säcke von ISIL - 31. Mai 2018 | Bild: © Staff Sgt. Christopher Brown [public domain] - Wikimedia Commons

Der Rafiq-Hariri-Flughafen in Beirut im Oktober 2015: Nicht weniger als 2 Tonnen des verbotenen Amphetamins Fenetyllin, das auch unter dem Markennamen Captagon bekannt ist, wurde von den Sicherheitskräften beschlagnahmt, kurz bevor die 40 verpackten Kisten mit Pillen im Wert von 300 Millionen Dollar in einen Privatjet in Richtung Riad umgeladen werden sollten. Der Eigentümer der Maschine: kein geringerer als der damals 29-jährige saudische Prinz Abdel Mohsen bin Walid bin Abdulaziz. Damit war der größte Drogenfund in der Geschichte des libanesischen Flughafens perfekt und zugleich befand man sich auf heiklem Terrain, ist Saudi-Arabien doch einer der wichtigsten Kreditgeber für den hochverschuldeten Zedernstaat. Schließlich verfuhr man so, dass man den Prinzen in einer Luxuszelle im Gefängnis Hobeish inhaftierte. Ende 2017 sorgte in der arabischen Welt ein Video für Aufsehen, das den Prinzen zeigt, wie er mit einem Freund in seiner Zelle bei Kerzenschein und Musik seinen Geburtstag genießt. Viele Beobachter kritisierten die Sonderbehandlung des Drogenschmugglers in einem Gefängnis, in dem sich der einfache Mann in der Regel in einer kleinen Zelle mit bis zu 15 Leuten untergebracht sieht.123456

Angesichts der ungeheuerlichen Mengen an dem beschlagnahmten Captagon ist klar: die Drogen konnten nicht allein für den Schwarzmarkt in Saudi-Arabien bestimmt gewesen sein. Captagon hält seine Konsumenten für Tage wach, wirkt angsthemmend und gibt einem das Gefühl der Unbezwingbarkeit. Seitdem der Krieg in Syrien 2011 begann, hat sich der Handel mit dem begehrten Gut vervielfacht. Dementsprechend wurde das Aufputschmittel von Saudi-Arabien aus vielfach nach Syrien geschafft, um dort die Dschihadisten vom Islamischen Staat (IS) und al-Qaida mit der Kämpferdroge zu versorgen. „Die Saudis legen Captagon den Waffenlieferungen für ihre Milizen bei“, berichtet Abu Ali, ein Drogenboss aus dem Libanon. Mehrere Kommandanten unterschiedlicher Milizen erklärten, dass die Kämpfer bei Gewaltexzessen oftmals unter dem Einfluss der „Dschihad-Droge“ stünden. 2013 tauchten Aufnahmen von einem „Rebellenkämpfer“ auf, der einem Soldaten der Assad-treuen syrischen Armee wie im Wahn das Herz herausschneidet und davon ißt. Als gesunder Mensch fragt man sich doch: Wie ist es möglich, dass es zu solcherlei Szenen kommt? Nun, es ist wahrscheinlich, dass hierbei Captagon mit im Spiel war.4

Doch woher kommt das Amphetamin? Ein wesentliches Produzentenland ist Bulgarien, das Mitglied der NATO und der Europäischen Union ist und auf Anforderung der CIA sowohl in Libyen als auch in Syrien al-Qaida und Daesh mit Drogen und Waffen belieferte. Eine zentrale Figur dabei stellte der Regierungschef Bojkow Borissow dar, der 2008 von dem deutschen Fachmann für das organisierte Verbrechen Jürgen Roth als bulgarischer „Al Capone“ bezeichnet wurde. Mit der Hilfe des ehemaligen Karatekämpfers schmuggelte die Security Insurance Company (SIC) – eine der großen Mafiagruppen im Land – das Captagon zu den Dschihadisten. Die CIA wiederum machte diese synthetische Droge noch attraktiver und effektiver, indem sie sie mit Haschisch mischte. Dies wiederum macht die Kämpfer noch leichter manipulierbar und furchtloser.78

Über die Jahre hinweg veränderte sich die Produktion der Droge dahingehend, dass deren heutige Zusammensetzung mit der ursprünglichen Form nicht mehr viel gemein hat. Tatsächlich aber ist Captagon eine deutsche Erfindung. In den Wirtschaftswunderjahren experimentierte der Essener Konzern Degussa mit dem Wirkstoff und lies sich Anfang der 60er Jahre ein Patent auf Fenetyllin ausstellen. Alsbald kam es als Medikament gegen ADHS, Narkolepsie und Depression auf den Markt. Während seine „zentral anregende Wirkung“ gepriesen wurde, machte es aber in Wahrheit die Patienten abhängig. Sogar in den Profifußball soll die Droge Ende der 80er Jahre Einzug gehalten haben. „Es ist mir bekannt, dass früher Captagon genommen worden ist. Viele Spieler waren verrückt danach. Auch Nationalspieler waren darunter. Das war überall bekannt und wurde praktiziert. Bis zu 50 Prozent haben das konsumiert. Nicht nur in der zweiten Liga“, sagte der ehemalige Fußballtrainer Peter Neuruhrer 2007 der Sport Bild. Nachdem Captagon Anfang der 80er Jahre in den USA und später auch in Europa verboten wurde, fiel seine Herstellung in die Hände krimineller Netzwerke und verlagerte sich nach Bulgarien und in die Türkei. Tatsächlich sind Drogen und Krieg eine alte Verbindung. Schon in der Antike griffen griechische und römische Soldaten zu aufputschenden Stoffen, um ihre Feldzüge durchstehen zu können. Vermutlich wird sich diese alte Geschichte auch in Zukunft fortschreiben.91011

  1. RT Deutsch: Land der Captagon-Junkies: Saudischer Prinz beim Schmuggel von Dschihad-Droge erwischt; Artikel vom 28.12.2017 []
  2. Wikispooks: Abdel Mohsen bin Walid bin Abdulaziz; Stand: 14.3.2019 []
  3. The Independant: The Saudi prince caught up in a drugs bust is lucky it happened in Beirut; Artikel vom 27.10.2015 []
  4. Tagesanzeiger: Die Kriegsgewinnler in der Drogenküche; Artikel vom 2.7.2017 [] []
  5. Süddeutsche Zeitung: Saudischer Prinz wegen Drogenschmuggels festgenommen; Artikel vom 28.10.2015 []
  6. Alaraby: Saudi drug prince arrested in Lebanon celebrates in five-star cell; Artikel vom 26.12.2017 []
  7. bnr Radio Bulgaria: Europol bezeichnet Bulgarien als Herkunfts- und Transitland für Captagon und Kokain; Stand: 14.3.2019 []
  8. Free 21: Wie Bulgarien Drogen und Waffen an al-Qaida und Daesh lieferte; Artikel vom 17.1.2016 []
  9. Zeit Online: Captagon: Aufgeputscht an die Front; Artikel vom 9.8.2017 []
  10. Bild.de: Neururer: Spieler haben Captagon geschluckt; Artikel vom 13.6.2007 []
  11. Vice.com: Soldaten haben in fast jedem Krieg Drogen genommen, um besser töten zu können; Artikel vom 12.4.2016 []

Über daniel / earthlink

Hallo, ich heiße Daniel und arbeite derzeit als Praktikant in den Projekten "Fluchtgrund" und "DrogenMachtWeltSchmerz". Ich habe Sozialwissenschaften an der Universität Augsburg und "Internationale Studien/ Friedens- und Konfliktforschung" an der Goethe-Universität in Frankfurt studiert. Gerne würde ich in der Entwicklungszusammenarbeit im Münchner Raum tätig werden.
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