Repression statt Therapie

 

Amerika setzt auf Wegsperren

USA.svgDie Vereinigten Staaten von Amerika haben die höchste Infaftierungsrate weltweit: 716 Gefängnisinsassen pro 100.000 Einwohner. Ein Wert, der noch höher liegt als beispielsweise der von Staaten wie Rußland oder Nordkorea.

Dabei handelt es sich nicht um einen Zufall. Das amerikanische Justizsystem setzt schon seit geraumer Zeit auf Abschreckung statt Rehabilitierung oder Therapie, auch im Zusammenhang mit Drogendelikten. Schon bei den kleinsten Mengen an Rauschgift kann es zu Mindesstrafen von bis zu 15 Jahren kommen. Begeht man bereits zum dritten Mal eine Straftat in Verbindung mit Drogen, wird man lebenslänglich weggesperrt, unabhängig von der Art der jeweiligen Vergehen.

Die Gefängnisindustrie in den Vereinigten Staaten hat sich im Laufe der letzten 50-60 Jahre zu einem extrem wichtigen Wirtschaftszweig entwickelt. Mittlerweile hängen ganze

Utah State Prison / Quelle: Wikimedia Commons

Utah State Prison / Quelle: Wikimedia Commons

Landstriche von Strafvollzugsanstalten ab. Manch amerikanisches Städtchen würde es heute garnicht geben, wenn dort nicht vor Jahren ein Gefängnis gebaut worden wäre. Schon in Zeiten wirtschaftlicher Krisen zeigte sich der amerikanische Strafvollzug als bedeutender und stabiler Wirtschaftszweig. Die Folge waren unzählige Privatisierungen von Haftanstalten, eine Entwicklung, die bis heute anhält. Indessen gewann die Lobby der Gefängnisindustrie ungemein an Macht und Finanzkraft und übt heute großen Einfluss auf die amerikanische Politik aus, nicht zuletzt durch die Finanzierung von Wahlkämpfen.

Aber auch die Politik hat Interesse an einem rigorosen Vorgehen gegen die Drogen. Obwohl Richard Nixon beispielsweise in den 70ern zunächst zwei Drittel seines dafür vorgesehenen Budgets für Therapiemaßnahmen und -einrichtungen verwendete, kehrte er für den Wahlkampf wieder zu einer härteren Linie zurück, einer Linie der drakonischen Strafen gegen Drogendelinquenten und der Stigmatisierung der Drogenkonsumenten und -händler zu Verbrechern und Mördern. Die amerikanische Gesellschaft dankte es ihm mit einem fulminanten Wahlsieg und somit einer zweiten Amtsperiode.

Es wird schnell deutlich, dass die Befürworter dieser strikten Vorgehensweise jemanden bei ihren Überlegungen vergessen haben, nämlich den Drogenabhängigen, den man einfach wegsperrt. Ist ihm dadurch geholfen? Wohl kaum. Zahlreiche Gefangene werden nach ihrem Gefängnisaufenthalt wieder rückfällig. Kürzlich Entlassene finden keine Jobs, denn Unternehmen weigern sich größtenteils, Menschen mit Vorstrafen einzustellen. Gleichzeitig wird bei Drogendelikten der Führerschein entzogen, in einem dermaßen auf das Auto ausgerichteten Land wie den USA ein riesen-großer Stein, den man den Menschen damit in den Weg legt.  Aus Perspektivlosigkeit und Verzweiflung fallen viele schnell wieder in ihre alten Gewohnheiten zurück und befinden sich kurze Zeit später erneut auf der Anklagebank.

Drogensüchtige auf amerikanischer Straße / Quelle: Wikimedia Commons

Drogensüchtige auf amerikanischer Straße / Quelle: Wikimedia Commons

Es kann also nicht die richtige Strategie sein, Menschen, die ein Drogenproblemhaben, einfach wegzusperren. Für viele beginnt somit ein Teufelskreis, dem sie ihr ganzes Leben nicht mehr entkommen. Aufgrund fehlender Entzugstherapien und Resozialisierungsprogramme finden die einmal Verurteilten nicht mehr zurück in ein geordnetes Dasein.

Es dürfte der amerikanischen Gesellschaft jedoch schwer fallen, diese fest verankerten Strukturen wieder zu lockern. Zu groß ist die Macht der privaten Gefängnisindustrie, zu groß die finanzielle Abhängigkeit von ihr. Das Stigma des teuflischen Drogensüchtigen, des Drogendealers, der unsere Kinder umbringt, hat sich fest in die amerikanische Seele eingefressen. Anreize sind an falscher Stelle gesetzt: Polizeibeamte kassieren Unmengen an Provisionen für die Zahl der Verhaftungen, die sie vorweisen können. Lediglich Symptome werden bekämpft, die wahren Ursachen des Problems bleiben bestehen.

In Rußland ergeht es Drogensüchtigen nicht viel besser

Rußland StaatswappenAuch Rußland hat ein ernsthaftes Drogenproblem. Neben anderen illegalen Substanzen ist es vor allem Heroin aus Afghanistan, das in Rußland weit verbreitet ist. Experten sprechen gar vom größten Heroinkonsum weltweit.

Doch der Kreml verfolgt seit geraumer Zeit eine knallharte Linie. Westlich anerkannte Suchttherapien sowie das Heroinsubstitut Methadon sind verboten. Webseiten, auf denen die WHO ihre Richtlinien zur Substitutionstherapie bekannt gibt, werden vorübergehend gesperrt. Der russische Staat sieht keinen Sinn in der Verschwendung von Ressourcen für Drogensüchtige. Stattdessen lautet die Devise auch hier: Wegsperren und nicht Therapieren!

Er lässt sogar zu, dass die Bevölkerung Selbstjustiz an vermeintlichen Drogendelinquenten verübt. Das sogenannte „Junge Rußland“, eine kreml-nahe Organisation kümmert sich in eigener Regie um „saubere“ Straßen im Land. Die Polizei bedankt sich, Präsident Putin bezeichnet die Aktionen der Gruppe als „sinnvoll“. Suchtkranke und Dealer werden erniedrigt und misshandelt, entsprechende Videos kursieren bereits im Internet.

(c) Romastudio | Dreamstime.com

(c) Romastudio | Dreamstime.com

Menschen, die ein Drogenproblem haben, werden als „gefährlich für die Gesellschaft“ stigmatisiert. Das Bild des Abhängigen ist klar gezeichnet: Er lauert nachts in dunklen Gassen älteren Damen auf, er läuft mit einer Heroinspritze umher – gefüllt mit HIV-infiziertem Blut – und bedroht damit unschuldige Bürger, um sich das Geld für den nächsten Schuss zu beschaffen.

„Wir kümmern uns um die Drogen, nicht um die Menschen“, so ein Beamter des russischen Antidrogenkommitees. Es ist äußerst fragwürdig, ob dies der richtige Ansatz im Umgang mit den Drogenproblemen des Landes ist. Langfristig gesehen werden somit vermutlich kaum Erfolge erzielt.

 

Quellen:

Bild Online: Die Weltkarte der Gefängnis-Insassen – aufgerufen am 16.09.15

Miprox: Inhaftieren und Abkassieren – aufgerufen am 8.4.2014

The Atlantic: How President Nixon Tied Addiction to Crime – aufgerufen am 8.4.2014

Taz.de: Nicht mehr gleich ins Gefängnis – aufgerufen am 8.4.2014

Sächsische Zeitung: Apokalyptische Zahl: 100.000 Drogentote in Rußland – aufgerufen am 3.6.2014

Deutschlandfunk: Keine Menschen, keine Probleme – aufgerufen am 3.6.2014

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